Könnten zweihundert bewusste Menschen die Welt verändern?

Ein Essay

Spiritualität | 07.07.2026 07:00

„Zweihundert bewusste Menschen können die Welt verändern“, war die tatsächliche Aussage des Lebensphilosophen und spirituellen Lehrers G. I. Gurdjieff (1866-1949, Gurdjieff wirkte ab 1914 in Russland, ab den 1920er Jahren in Frankreich. Er zog einige bekannte Schriftsteller, Journalisten und Wissenschaftler in seinen Kreis, die in der damaligen Zeit großen intellektuellen Einfluss hatten.).

Text: Bruno Martin

 

Es ist absolut möglich, dass jenseits der Wahrnehmung unserer Sinne ungeahnte Welten verborgen sind.
Albert Einstein

 

Ich habe es als Frage umformuliert, denn ich sehe es heute nach einhundert Jahren mit einem anderen Blick und Verständnis, was ich noch ausführen werde. Gurdjieff sagte in einem Vortrag vor seinen Schülern: „Wie oft bin ich schon gefragt worden, ob Kriege verhindert werden können. Gewiss können sie das. Dazu ist es nur notwendig, dass die Menschen aufwachen. Das scheint eine Kleinigkeit zu sein. Es ist jedoch das Schwerste, was es gibt, weil dieser Schlaf durch das ganze uns umgebende Leben, durch alle uns umgebenden Verhältnisse veranlasst und aufrecht erhalten wird.“ Denn Menschen würden keine Kriege führen, wenn sie aus dem alltäglichen Schlaf aufwachen würden. „Wenn sie erwachen und was zum Erwachen führt, hat in Wirklichkeit einen Wert.“
G.I. Gurdjieff

Seine Aussage hat er vor rund einhundert Jahren getroffen. Damals wütete der erste Weltkrieg, viele „schlafende“ Menschen stürzten sich, begeistert von der Kriegspropaganda, in den Krieg. Gustave le Bon, ein Sozialpsychologe, schrieb schon 1910 sein Buch über die Psychologie der Massen, das heute noch genauso aktuell ist wie damals. Möglicherweise kannte Gurdjieff dieses Buch auch, denn in seinem 1300-Seiten-Buch Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel schreibt er, dass „die größte Krankheit der Menschheit die Beeinflussbarkeit ist“. Erwachen bedeutet auch, der eigenen Egozentriertheit bewusst zu werden.

Gurdjieff floh mit seiner Familie und Schülern vor der bolschewistischen Revolution. Viele seiner Schüler waren vorher von der Theosophie beeinflusst, die eine Vorstellung von „höheren Wesen“ verbreitet. Gurdjieff nahm geschickt diese Ideen auf, die er aber ganz neu definierte, indem er von „bewussten Menschen“ sprach. Nach dem ersten Weltkrieg entstanden in den westlichen Industrieländern Demokratien, die Menschen wirkten an der politischen Willensbildung mit ̶ auch wenn das in Deutschland mit dem Naziregime ab 1933 und dem stalinistischen Russland erst einmal in eine gegensätzlich Richtung umschlug und zu einem neuen Krieg führte. Insofern hatte Gurdjieff völlig recht mit den „schlafenden Menschen“, die wie hypnotisierte Schafherden beeinflusst werden konnten. Doch selbst zweihundert bewusste Menschen hätten darauf wohl keinen Einfluss gehabt …

Das führt zu der Frage: Könnten starke „bewusste Schwingungen“, ausgehend von vielen Menschen, doch einen Einfluss auf Geschehnisse haben?

In der Süddeutschen Zeitung vom 20. Februar las ich einen Artikel über die Proteste in Myanmar gegen den Putsch der Militärs. „Was der Wahrsager und Zauberer Lin Nyo Tar Yar am 2. Februar postete, konnte dem neuen Herrscher Myanmars nicht gefallen: Kaum hatte die Junta geputscht, brachte der junge Mann, der besondere spirituelle Kräfte für sich beansprucht, einen Fluch gegen die Generäle in Umlauf.“

In seinen Post waren Fotos gestellt. Sie zeigen eine Puppe mit Totenschädel, gekleidet in einen purpurfarbenen Mantel. Solche Schreckgespenster sollen den Putschisten Angst einflößen. Doch angesichts vieler erschossener Demonstranten hat das anscheinend nicht viel bewirkt …

Aber wer weiß das schon genau? Wenn viele Menschen in autoritär regierten Ländern nicht mit der jeweiligen Regierung einverstanden sind, haben sie kaum ein Chance gegen eine Militärregierung. Man sieht das in Belarus und vielen anderen Ländern. Dennoch können wache Menschen etwas bewirken, vielleicht nicht sofort, aber irgendwann. Die gewaltlosen Aktionen von Mahatma Gandhi zum Beispiel, der dadurch die britische Besatzung Indiens beendigen konnte, war nur möglich, weil sehr viele Inder seine Aktionen körperlich wie spirituell unterstützten. So wurde ein „Energiefeld“ des Widerstands vorbereitet, der schließlich die Besatzer zum Einlenken und zum Rückzug aus Indien brachte.

Ob „Zauberei“ oder „bewusste Schwingungen“ kurz- oder langfristig Wirkungen haben, möchte ich im Folgenden weiter thematisieren. Wenn wir besondere oder „paranormale“ Phänomene verstehen wollen, dann ist es notwendig, auch hierbei genaue Unterscheidungen zu treffen. Aus eigener Erfahrung bin ich überzeugt, dass es so etwas gibt, wie in „Kohärenz mit einem Feld“ zu sein. Viele kennen dieses Phänomen, zum Beispiel wenn sie in einer Gruppe mit mehreren Menschen eine gemeinsame Aktivität durchführen, gemeinsame Übungen machen. Es entsteht, je nachdem wie intensiv, bewusst und absichtsvoll eine gemeinsame Übung gemacht wird, ein gemeinsames „Schwingungsfeld“ in der Gruppe.

Doch haben wir durch unsere Gedanken und auch Taten einen Einfluss auf ein Geschehnis, eine gesellschaftliche Veränderung?

Was ist Bewusstsein?

Vorher sollte geklärt werden: Wann ist man ein „bewusster Mensch“? Ich nehme an, dass jede und jeder, die/der diesen Text liest, sich für „bewusst“ hält. Gurdjieff meint damit nicht die Menschen mit Bildung und Verstand, die er ansprach. Sind sie dadurch „vernünftiger“ – ein Begriff, den er auch gern benutzte. Sind die heute gebildeten und informierten Frauen und Männer insgesamt „bewusster“ für politische und ökologische Probleme und offen für spirituelle Kräfte? Die Aussagen „Ich bin mir dessen bewusst“ oder „Klar, ich weiß das“, sind schon beinahe inflationär. Selbst ein Verbrecher ist sich dessen „bewusst“, dass er gegen das Gesetz verstößt ...

Eine vertrackte Sache. Bin ich bewusst, wenn ich absichtlich gegen das Gesetz verstoße? Bin ich bewusst, wenn ich über etwas nachdenke, meine Gefühle wahrnehme oder meinen Körper spüren kann, ohne irgendwo Schmerzen zu haben? Oder bin ich mir „meiner Selbst bewusst“, wenn ich mit anderen Menschen spreche und meine Gedanken mitteile? Bin ich bewusst, wenn ich körperlich arbeite, spazieren gehe oder Auto fahre?

Die meisten haben keine Ahnung davon, dass sie „schlafende Menschen“ sind, die völlig in ihren Automatismen und dem Routineleben aufgehen, weil sie es in ihrem „Schlaf“ nicht erkennen können. Sind sie „bewusst“, weil sie intellektuell geschult sind, ihre Steuererklärung beherrschen, DNA sequenzieren oder komplizierte Algorithmen schreiben können?

Doch wer legt den Maßstab dafür an? Ist es möglich, Bewusstsein zu messen? Gurdjieff sagt: „Beide Bewusstseinszustände, der Schlaf- und der Wachzustand, sind gleichermaßen subjektiv. Erst wenn ein Mensch beginnt, sich seiner selbst zu erinnern, wacht er wirklich auf.“

Der Begriff Selbsterinnerung ist besser verständlich, wenn wir diesen als sich selbst innewerden, sich selbst und andere gleichzeitig wahrnehmen umschreiben. Es geht nicht um Gedächtnisleistung, sondern vielmehr um ein ganzheitliches Sich-selbst-Wahrnehmen, in sich selbst zentriert zu sein – und das auch zu erkennen. Die Verbindung mit „Bewusstseins-Energie“ lässt uns wahrnehmen, was, wer und wie wir sind. Es befähigt uns, das zu denken, was wir denken wollen. Es befähigt uns, selbständig zu handeln oder zu fühlen  ̶  ohne äußere Einflussnahme. Eine schwierige Erkenntnis! Wie und wann kann ich von meiner inneren „Wesenserkenntnis“, geführt von meinem „Gewissen“, das heißt von innerem Wissen, bewusst denken und handeln?

Im Sinne Gurdjieffs sind Menschen, die relativ „wach“, achtsam und sensitiv sind, gelegentlich sich selbst und andere wahrnehmen, ein gewisses Einfühlungsvermögen haben, bereits aus dem „Schlaf“ aufgewacht. Dennoch schwankt dieses Wachbewusstsein zwischen mehr oder weniger wach. Eine Voraussetzung, um aufzuwachen, ist, zu bemerken, dass die bewusste Wahrnehmung „eingeschlafen“ ist. Je öfter wir Kontakt mit dem wachen Bewusstsein haben, umso öfter schaltet es sich ein, so dass nach und nach ein dauerhafter Wachbewusstseinszustand vorhanden ist.

Ein bewusster Wachzustand entsteht, wenn alle Teile eines Menschen – Körper, Bewegungs- und Sinnessystem, Gefühle, Denken und Verstand – durch ein entsprechendes Training synchronisiert sind. Das war Gurdjieffs Erkenntnis und floss in seine Methoden der individuellen Transformation zum wirklichen Menschen ein (siehe mein Gurdjieff Praxisbuch, BoD 2014). Diese Menschen haben an der Entwicklung ihrer Aufmerksamkeitskraft gearbeitet, an ihrer „bewussteren“ Wahrnehmung und ein besonnenes Verhalten gegenüber anderen entwickelt. Durch diesen wirklich wachen Bewusstseinszustand sind Einsicht und Verstehen größerer Zusammenhänge möglich. Jede und jeder von uns sollte ein ganzheitlicher Mensch auf allen möglichen Ebenen sein – sonst sind wir nur „mögliche Menschen“.

Diesem „ganzheitlichen“ Menschen ist die Möglichkeit eines „objektiven Bewusstseins“ gegeben. Objektiv in dem Sinne, dass dieser Mensch tiefe Einsichten in Welten hat, die dem gewöhnlichen Alltagsbewusstsein verschlossen sind.

Diese Bewusstseinsqualität haben viele Psychonauten schon einmal erfahren. Das Problem dabei ist, dass sie nach einem Trip mit „kosmischen Einsichten“ wieder in das ganz normale Alltagsbewusstsein zurückfallen. Der veränderte Bewusstseinszustand ist nicht bleibend, sonst könnten wir die Alltagsrealität mit ihren Herausforderungen nicht bewältigen. Die eigentliche Bewusstseinsarbeit beginnt mit der Verbindung der unterschiedlichen Realitätsebenen. Es geht darum, sie ins „gewöhnliche“ Leben zu integrieren und darüber hinaus, einen Weg zu finden, um die Entfaltung der eigenen Lebensqualitäten, aller Anlagen anzugehen.

Bewusstsein ist „ungreifbar“. Wir haben den Begriff, können seine Bedeutung und Qualität aber nicht greifen, nicht „begreifen“. Wenn Bewusstsein in uns wirkt, werden wir erst gewahr, dass wir gewöhnlich nur in einem zweidimensionalen Zustand, im „Flächenland“ leben.

Bewusstsein kann als Energiefeld gesehen werden, vergleichbar mit dem elektromagnetischen Feld, in das wir eingebettet sind oder auch mit dem sensitiven Lebensenergiefeld der Pflanzen, Tiere und Menschen. Nur: Bewusstsein ist eine Qualität, die sich nur indirekt wahrnehmen lässt.

Um diesen Gedanken zu erweitern: Wenn sich Bewusstsein mit Intelligenz und Liebe vereinigt, zwei weitere Qualitäten, die wir nicht direkt spüren und begreifen können ̶ sind wir erwachte Menschen.

Wozu, warum soll ich erwachen? Was habe ich davon? John G. Bennett schrieb dazu: „Wenn wir das menschliche Leben objektiv betrachten, können wir sehen, dass unser wirklicher Wunsch darauf gerichtet ist, ein dauerhaftes Wohlergehen für uns und diejenigen, mit denen wir eng verbunden sind, unsere Familie, unsere Freunde, aber vor allem auch für uns selbst, zu erreichen“ (John G. Bennett: Gurdjieff - Der Aufbau einer neuen Welt, 1976). Das geht nur durch einen wirklichen Wandel unseres Seins und Bewusstseins.

Der Begriff „Bewusstseinsveränderung“ ist durchaus wichtig, weil „Bewusstsein“ als Qualität keine „feste“ Struktur hat, die immer gleich bleibt. Ob man es als „Bewusstseinserweiterung“ oder als „intensiviertes Wahrnehmungsvermögen“ beschreibt, ist eine Definitionsfrage, die von der eigenen Einsicht und Erkenntnis abhängt ... (ausführlich zum Bewusstsein in meinem Buch Auf einem Raumschiff mit Gurdjieff, ab Seite 117).

Welchen Einfluss können bewusste Menschen haben?

Zweihundert bewusste Menschen; das ist eine symbolische Zahl. Könnte es so viele – oder vielleicht auch mehr – dauerhaft bewusste Menschen auf der Erde geben? „Dauerhaft voll bewusst“ zu sein, in Anbetracht der genannten Kriterien, ist kaum möglich, wir schwanken immer zwischen verschiedenen Bewusstseinszuständen, zumindest ist das meine lebenslange Erfahrung. Und: Wie können „bewusste Menschen“ Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen haben?

Bei dauerhaft bewussten Menschen mögen wir vielleicht an gewisse Yogis denken, die irgendwo in einer Höhle im Himalaya zurückgezogen leben. Damit waren wohl die „höheren Wesen“ der Theosophen gemeint. Wer sich mit Buddhismus beschäftigt, kennt vielleicht Milarepa (1052-1135), den wohl berühmtesten Heiligen Tibets, der angeblich den Schnee durch die Übung der „inneren Hitze“ schmelzen ließ und durch sein spirituelles Vorbild und seine Schriften viele Tibeter beeinflusste. Er schrieb: „Indem ich nach innen in das Bewusstsein hineinblicke, erkenne ich die wahre Bewusstseinsnatur: substanzlose, innerliche Leerheit.“

Es gibt viele interessante Beispiele für die Einflussnahme von bewussten Menschen auf das politische, geistige und kulturelle Geschehen, die ich an anderer Stelle ausgeführt habe (siehe mein Buch Auf einem Raumschiff mit Gurdjieff. 2014, BoD). Der indische Yogi und Heilige Shivapuri Baba (siehe das Buch von John G. Bennett Richtig Leben - Die Lehren des weisen Shivapuri Baba, 2018, Chalice Verlag), der 137 Jahre alt wurde, ist ein weiteres Beispiel. Bei seiner Pilgerreise  ̶  wie er es nannte, zumeist zu Fuß um die Erde ̶ war er Gast bei vielen einflussreichen Herrschern. Ab 1896 war er in England und hatte zahlreiche Gespräche mit der britischen Königin Victoria. Während seiner letzten 38 Jahre in Nepal, wo er sich schließlich niederließ, besuchten ihn Tausende von Sadhus und Menschen aus vielen Ländern. John G. Bennett, ein Gurdjieff-Schüler und später Exponent dessen Lehren, besuchte ihn 1961 und schrieb die Gespräche mit Shivapuri Baba auf.

Auf jeden Fall noch zu erwähnen ist der „indirekte“ Einfluss von Albert Hofmann, der das LSD entdeckte und die Wirkstoffe Psilocybin und Psilocin in bewusstseinsverändernden Pilzen. Seine Entdeckungen, die in den 1960er Jahren durch Timothy Leary weltweit bekannt wurden, öffneten ein großes Fenster für den Einblick in Bewusstseinswelten jenseits der seit Jahrhunderten üblichen Methoden der Bewusstseinserweiterung wie Meditation, Trance und anderer und erreichte mehr Menschen auf dem Planeten als viele sogenannte Heilige. Auch durch die heutigen physikalischen Erkenntnisse sprechen wir von einem „holografischen Universum“, das heißt: Alles ist miteinander verbunden, im Kleinen wie Großen.

Es gibt viele Beispiele von einflussreichen spirituellen Persönlichkeiten auf das geistige Leben und die Weltpolitik der letzten Jahrhunderte. Doch eine der wichtigsten Fragen, die wir uns stellen, ist die nach der Fähigkeit von Menschen, den Gang von Ereignissen zu beeinflussen. Viele Reformen und sogar Revolutionen sind gescheitert, intelligente und bewusste Handlungen von Menschen sind allzu häufig im Sand verlaufen.

Unterschiedliche politische Strömungen und Richtungen haben das Bewusstsein der Menschen verändert, egal wie „bewusst“ die Aktionen waren. Nicht unbeachtet dürfen dabei im 20. Jahrhundert die Hippie-Bewegung, Psychedelika und die Rockmusik sein. Die Ökologie-Bewegung der letzten 40 Jahre hat einiges bei der Bewusstseinsänderung hinsichtlich unserer Lebensgrundlagen und des Klimaschutzes in Gang gesetzt. In Bezug auf die biologische Landwirtschaft waren die Ideen von Rudolf Steiner Wegbereiter, auch mit spirituellem Hintergrund.

Alle beteiligten Menschen an gesellschaftlichen Veränderungen haben das „Bewusstseinsfeld“ (dieses Thema habe ich ausführlich in meinem Buch Intelligente Evolution behandelt), das mit dem Lebensfeld oder der Biosphäre verknüpft ist, mit ihrem Engagement und ihren Energien gestärkt. Das „technische“ globale Internet sehe ich dabei als eine Vorstufe des „Internets des Bewusstseins“. Das Energie-Niveau dieses Feldes hat sich sicherlich verstärkt – auch wenn diese Menschen mehr oder weniger bewusst im Sinne meiner vorherigen Gedanken sind. Nicht jede/jeder, die/der an einer Klima-Demonstration teilnimmt, ist „bewusst“, aber ist sich der Notwendigkeit bewusst, sich zu engagieren. Auch das hat sich seit den hundert Jahren von Gurdjieffs Behauptung geändert: Zu seiner Zeit undenkbar, haben sich heute viele wirksame neue soziale und politische Gruppierungen entwickelt, aktive NGOs, die Flüchtlinge aus dem Meer retten, und viele andere Organisationen, die langsam aber stetig für bessere Lebensverhältnisse vieler Menschen gesorgt haben. Es sind die UNO und ihre Unterorganisationen entstanden, die Welthungerhilfe, die UNCHR, Ärzte ohne Grenzen, Amnesty International und viele mehr. Im UNO-Gebäude in New York gibt es sogar ein Meditationsraum  ̶  auch in den Google-Gebäuden ... Nachhaltigkeit, soziale, ökologische und sogar spirituelle Gedanken sind heute gefragte Themen für Beratungsfirmen großer Finanz- und Wirtschaftsunternehmen.

Selbst wenn die „Aktivisten“ und Initiatoren von Nicht-Regierungsorganisationen nicht im definierten Sinne „bewusst“ sind, hat die Möglichkeit der politischen Einflussnahme durch die Menge der Beteiligten zugenommen. So ist es: Die wache Mehrheit der Menschen, die sich für Veränderungen einsetzen, kann die Welt ändern!

In Hinblick auf Spiritualität können wir auch an verschiedene Gruppen und Gemeinschaften denken, die täglich meditieren und „gute“ Energien aussenden. Kann davon eine Wirkung ausgehen, die wir noch nicht einschätzen können? Möglicherweise hat sich der geistige Einfluss auf das Bewusstseinsfeld von den einzelnen „bewussten Menschen“, die ich beispielhaft anführte, auf ein kollektives Feld verlagert.

Peter Russell beschreibt anhand der Erfahrungen mit der Transzendentalen Meditation (TM), begründet von Maharishi Mahesh Yogi, dass die synergetische Wirkung vieler meditierender Menschen auch einen Einfluss auf das Bewusstsein der Menschen im Allgemeinen ausüben kann. „Untersuchungen lassen darauf schließen, dass dieser Gedanke nicht so abwegig ist, wie er zuerst erscheint. Es gibt jetzt eine ganze Reihe von Städten in den Vereinigten Staaten, in denen die Anzahl der Menschen, die die TM ausüben, diese theoretische Schwelle überschritten hat. In den offiziellen Verbrechensstatistiken dieser Städte war ein Rückgang der Kriminalität von 8,8 % zu verzeichnen, und dies zu einem Zeitpunkt, da in den übrigen Städten des Landes die Verbrechensrate um 6 % pro Jahr anstieg. Man stellte ebenfalls fest, dass es einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Prozentsatz der Meditierenden in jeder Stadt und dem Absinken der Verbrechensrate gab” (Peter Russel: Der direkte Weg, Recklinghausen 1995, S. 194).

Russell spricht davon, dass ca. 1 % der jeweiligen Bevölkerung gleichzeitig meditieren sollte. Es sind natürlich viele Variablen zu berücksichtigen, um Ursache und Wirkung direkt einschätzen zu können.

Eines sollte auch bedacht werden: Gesellschaftliche Veränderungen durch Gefühlslagen und Meinungen, die wiederum Einfluss auf die Politik haben, können noch nicht als „Bewusstseinsveränderung“ bezeichnet werden. Es erscheint mir so, dass sich die Wahrnehmung für bestimmte Dinge wie Klima oder Toleranz für andere als die „normalen“ Lebensformen im Laufe der Zeit geändert hat. Aufklärung durch alle Arten von Medien trägt dazu bei, insbesondere wenn Menschen für neue Ideen und Lebensweisen offen werden. Es gibt auch immer gegenteilige Bewegungen: Rassismus, Faschismus, Diktaturen, autoritäre Regimes. Auf jeden Fall sind zumindest in einigen demokratischen westlichen Gesellschaften viele Menschen sensibler für ihre Mitmenschen, solidarischer und wacher geworden und hinterfragen „althergebrachte“ Verhaltensweisen und Regelungen.

Leben ist gekennzeichnet durch Bewegung und Veränderung, so geschehen auch immer wieder Fehler oder Ungenauigkeiten sowohl in der physikalischen wie auch in der bewussten Welt. Genauso wie es im menschlichen Körper sogenannte Reparaturgene gibt, sind derartige „Reparaturgene” auch in der Welt des Bewusstseins nötig. Es sind nicht nur die kulturellen Einflüsse, die als „Meme” bezeichnet werden – in Anklang an Gene und ihre Replikation  ̶  also Musik, Ideen, Moden, Gedankensplitter etc. (ausführlich dazu siehe: Susan Blackmore: Die Macht der Meme, Heidelberg 2000). Die Qualität des Bewusstseins geht darüber hinaus. Es ist unsere Aufgabe, unsere Wahrnehmungsfähigkeit für die Wirklichkeit der Bewusstseinswelt zu entwickeln, um dort mitzuwirken, entstandene Fehler zu reparieren und zur Evolution dieses „größeren Bewusstseins” beizutragen.

„In Kohärenz mit dem Feld“ zu sein, ist möglicherweise eine Synchronisierung der Gehirnwellen von Menschen im gleichen Lebensumfeld. Die bedeutungsvolle Entsprechung von innerpsychischen oder geistigen Zuständen und äußeren Ereignissen ist nicht kausal aufeinander bezogen, und das heißt auch, dass individuelle Wünsche und Erwartungen nicht unbedingt die Ursache der äußeren Ereignisse sind. Sich auf ein Feld einzustimmen, bedeutet vielmehr, dass wir insgesamt in Resonanz mit Personen und Geschehnissen auf mehreren Ebenen kommen. Dabei spielt die eigene Frequenz eine wichtige Rolle. Wer mit sich selbst im Einklang ist, kann auch mit anderen in Einklang kommen, ähnlich der Resonanz von Obertönen in einem Musikstück. Man kann dies vergleichen mit einer Erscheinung der noch ungeformten Welt – dort also, wo Formen erst entstehen. Bevor die Dinge eine feste Gestalt in der Welt der Körper angenommen haben, ist es möglich, dass übereinstimmende Situationen entstehen können. Der gegenwärtige Augenblick in einem gemeinsamen Feld ist nicht auf die körperliche Empfindung begrenzt, sondern geht über Zeit und Raum hinaus. Man kann diese Dimension auch als ein Gewebe aus Potenzialen bezeichnen.

Derartige Feldpotenziale können in vielen Situationen entstehen. Bewusstsein und die äußere Welt sind keine getrennten Bereiche. Eine tiefere Verbindung mit diesem Schwingungsfeld macht es offenbar möglich, ein gemeinsames Feld zwischen zwei oder auch mehreren Menschen so zu stärken, dass eine Resonanz zwischen diesen Menschen entsteht. Wir kennen das von einer Gruppe, die sich während eines Seminars bildet. Wenn diese Gruppe absichtsvoll gemeinsame innere oder äußere spirituelle Übungen macht, erfahren die meisten Teilnehmer*innen der Gruppe, dass sich ein gemeinsames Schwingungsfeld und eine Harmonie aufbaut, oft sogar über das Seminar hinaus.

Ich habe mit einer solchen Gruppe einen „Feldversuch“ gemacht, um diese These genauer zu untersuchen. Wir verabredeten einen festen Zeitpunkt am Morgen, an dem sich alle in der eigenen Wohnung zu derselben inneren Energieübung hinsetzten. Jede/Jeder versuchte auf diese Weise, eine Verbindung über die Ferne mit den anderen herzustellen, manche visualisierten, sie seien gemeinsam im selben Raum wie beim Seminar. Es stellte sich nach mehreren solcher „Ferntreffen“ heraus, dass durch die Herstellung dieser Verbindung die Übung bei vielen intensiver war, als wenn sie die Übung nur „allein“ machten. Das meine ich mit einer bewussten und absichtsvollen Einstimmung in ein Feld.

Ein achtsames Leben mit erweiterter Aufmerksamkeit verändert tatsächlich das Feld, in dem wir leben. Ich weiß nicht, ob daraus immer Kohärenz oder Harmonie entsteht, ich weiß aber, Achtsamkeit beeinflusst und verbessert die Qualität des Felds, in dem wir leben. Es macht einen Unterschied – auch im ganz normalen Umgang mit Menschen – ob ich in der Lage bin, mich in die Situation eines anderen einzufühlen oder nicht. Bemerke ich, dass mein Nachbar Hilfe braucht, kann ich meine Hilfe anbieten, und sei es nur, ihm etwas die Treppe hochzutragen. Gehe ich unachtsam an ihm vorbei, habe ich eine Gelegenheit verpasst, aus meiner Egozentriertheit auszutreten und weiter schlafend durch das Leben zu gehen. Ich habe wahrscheinlich auch die Gelegenheit verpasst, einen Menschen näher kennenzulernen, der mir vielleicht eine bedeutende Einsicht schenken könnte. Mit Achtsamkeit und Aufmerksamkeit habe ich eine größere Chance, die tiefere Bedeutung von Ereignissen zu erkennen. Mehr Aufmerksamkeit schult auch die Intuition für Dinge und Ereignisse, die sonst unbemerkt an mir vorübergehen, aber ganz wichtig für mein Leben sein könnten.

In den verschiedenen Feldern zu leben ist nicht nur ein „Spiel“, es ist wirklich eine sehr bedeutsame Angelegenheit. Mit unseren bewussten Gedanken, unserem Verhalten und unseren Gefühlen rücken wir nicht nur die Felder „zurecht“, wir können sie auch nachteilig beeinflussen (siehe ausführlich mein Buch Der Wunderland-Effekt - Die Kraft der geistigen Felder, BoD 2011). Tatsächlich geschieht dies alltäglich, weil die meisten Menschen ihr Leben eher unaufmerksam bewältigen als mit Achtsamkeit. So bemerken sie oft nicht, was sie durch Unaufmerksamkeit alles anrichten.

Mit bewusster Übung der Aufmerksamkeit ist es dagegen möglich, in ein gemeinsames kohärentes Feld zu kommen, in Harmonie mit dem Leben. Dann können Dinge möglich werden, die sonst nicht möglich wären – die sogar nicht für möglich gehalten werden. Wir brauchen noch nicht einmal besondere „Wünsche in den Kosmos“ zu schicken – wir müssen vor allem zuerst ausreichend Aufmerksamkeit für die Situationen entwickeln, in denen wir leben, und uns absichtsvoll innerlich auf diese Situation einstimmen. Dann rücken sich viele Dinge so zurecht, dass es für uns gut und stimmig ist.

Doch selbst ohne „große“ weltumspannende Ziele kommt es immer auf die oder den Einzelne/n an, wie sie/er am eigenen Bewusstsein arbeitet. Kreative Ideen und geistige Energien können die Welt verändern, und mit ihr auch Menschen, die sich für ihre schwächeren Mitmenschen engagieren, um ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen! Auch das ist Bewusstseinsarbeit. Dazu braucht es mehr als nur zweihundert Engagierte ...

In einer fruchtbaren Zusammenkunft mit Menschen, die an ihrer „Bewusstseinsentwicklung“ arbeiten, können wir eine individuelle Verbundenheit erfahren und vielleicht auch darüber hinaus eine „kosmische“ Verbundenheit mit „anderen“ Wirklichkeiten und Bewusstseinswelten, als der gewohnten Alltagsrealität ...

 

Bruno Martin, geb. 1946, regt seit fünfzig Jahren in seinen Büchern und Seminaren mit verschiedenen Methoden zum „Aufwachen in die Wirklichkeit“ an. Seine Arbeit mit östlichen Weisheitslehren und Lehrer*innen, mit schamanischen Ritualen und Pflanzen und westlichen Bewusstseinstechniken lässt ihn vertraute Denkweisen immer neu hinterfragen. In diesem Sinne geben seine Bücher überraschend neue Denkansätze für die Praxis eine bewussten Lebens.

Seminare und weitere Informationen: www.gurdjieff-work.de

Direktlink: https://www.lucys-magazin.com/spirituality/p/konnten-zweihundert-bewusste-menschen-die-welt-verandern