Heilige Pilze in modernen Ritualen

Praktische Psychonautik

Spiritualität | 30.07.2026 07:00

Der sinnvolle Gebrauch von psychoaktiven Substanzen ist in unserer modernen westlichen Kultur aufgrund verschiedener historischer Verhältnisse (z.B. Christianisierung, Inquisition) verlorengegangen und/oder systematisch unterdrückt worden.
Christian Rätsch
 
Die heiligen Pflanzen unserer Ahnen sind heute vom Betäubungsmittelgesetz als »Betäubungsmittel ohne medizinischen Wert« verboten und werden als sogenannte »kulturfremde« Drogen betrachtet. »Kulturfremd« soll dabei wohl heißen, daß es keinen kulturell tradierten Gebrauch dieser Substanzen gibt. Aber hier irrt der Gesetzgeber. Unsere Gesellschaft, für die diese Gesetzgebung gilt, wird nicht von einer homogenen Kultur getragen, sondern zersplittert sich in viele selbständige kulturelle Gruppen, die gerne als »Subkulturen« beschrieben werden. Nun hat sich aber gerade in einigen dieser eigen ständigen kulturellen Untergruppen seit den späten fünfziger Jahren eine echte kulturelle Tradition entwickelt, in der die alten heiligen Pflanzen in modernen Ritualen verwendet werden.
 
Besonders der Umgang mit entheogenen Pilzen hat eine eigene Tradition hervorgebracht, die sich heute zwar weltweit, aber hauptsächlich in Nordamerika und Mitteleuropa etabliert hat (Linder 1981, Thompson et al. 1985). Die historischen Wurzeln dieser modernen Rituale lassen sich im wesentlichen auf die geistigen Väter der Hippies und die Schamanen der nord- und mesoamerikanischen Indianer zurückführen. Ich hatte in den letzten zehn Jahren mehrfach die Gelegenheit, an derartigen Ritualen teilzunehmen, sie kulturanthropologisch zu beleuchten und mit traditionellen psychedelischen Ritualen anderer Kulturen oder Völker zu vergleichen. Ich konnte auch viele Menschen zu ihren Pilzerfahrungen bei derartigen Ritualen und zu ihren Vorstellungen über die Natur der Pilze usw. befragen. Aus verständlichen Gründen kann ich keine Angaben über Orte, Zeiten und Personen machen. 
 
Eine entheogene Kultur
 
Das Wort »entheogen« ist ein recht neues Kunstwort, das »Gott in sich hervorrufend« bedeutet und als Alternative zum Begriff Psychedelikum entwickelt wurde. Es sollte auf die Erfahrungsdimension bestimmter Substanzen hinweisen. Das Wort »entheogen« hat sich seither verbreitet und ist heute, besonders in der Fachliteratur weit gehend akzeptiert und etabliert. Ich benutze den Begriff »entheogene Kultur« (oder Pilzkultur) als Bezeichnung für Menschen einer Gruppe, die Pilze oder andere Substanzen rituell einnehmen, um spirituelle oder mystische Erfahrungen zu machen.
 
Die entheogene Pilzkultur ist dezentralisiert, anarchisch bzw. partnerschaftlich und reicht weit über religiöse, kognitive und politische Grenzen hinaus. Sie gleicht dem Wachstumsverhalten der Pilze. Im Untergrund verbreitet sich das Wurzelgeflecht. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort treiben die Fruchtkörper aus, oft im Kreis (»Hexenring«), und verteilen ihre Sporen in alle Welt. Um in die Pilzkultur eingeweiht oder initiiert zu werden, muß man lediglich rituell, z.B. im Kreis Gleichgesinnter, Pilze essen und von »ihnen angenommen« werden. Die rituelle Kreiserfahrung wird von vielen Menschen als Einweihung in die Mysterien der Pilze erlebt (vgl. Linder 1981).
 
Entheogene Pilze in Mitteleuropa
 
Nachdem zahlreiche mexikanische Arten (Psilocybe spp.) gesammelt, beschrieben und chemisch analysiert werden konnten, erhielt der Schweizer Chemiker Albert Hofmann, der die Wirkstoffe Psilocybin und Psilocin in den mexikanischen Zauberpilzen entdeckt hatte, von einem Schweizer Almbewohner den Hinweis, daß es auch in den Alpen Pilze gäbe, die so wirken würden wie die mexikanischen. Er, der Almbewohner, hätte die Pilze öfter gegessen und kenne die Wirkungen sehr genau. Daraufhin erhielt Hofmann eine Probe der Pilze, die zu der Art Psilocybe semilanceata gehörten, und konnte in ihnen ebenfalls den Wirkstoff Psilocybin feststellen. Die Originalarbeit wurde in einer kleinen wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht (Hofmann et al. 1962). Dennoch verbreitete sich das Wissen um den einheimischen Zauberpilz sehr schnell.
 
Der Spitzkegelige Kahlkopf (englisch ›Liberty Cap‹ oder ›Pixie Cap‹) oder Psilocybe semilanceata (fr.) quélet ist nicht nur in Europa und Amerika heimisch; er wird inzwischen weltweit (sogar in Australien) gefunden. Er gilt als der häufigste und am weitesten verbreitete Pilz der Gattung Psilocybe. In der Schweiz gibt es noch eine Form, bei der die Hüte wie »kleine Zwergenmützchen« aussehen. Er enthält z.T. hohe Konzentrationen an Psilocybin, etwas Psilocin und daneben Baeocystin. Der Kahlkopf wächst bevorzugt auf Wiesen mit alten Dungablagerungen. Er ist im Flachland von Norddeutschland genauso anzutreffen wie auf den Wiesen in den Mittelgebirgen als auch auf den Almen der Alpenländer. Im Wald wurde er bisher nicht gefunden. Er scheint also eine Art Kulturfolger des Menschen zu sein. Seine Fruchtkörper reifen bereits im Spätsommer und Frühherbst.
 
Ab Ende Juli schwärmen die Pilzsammler aus, um die Kahlköpfe, liebevoll ›Psilos‹, ›Glückspilze‹, ›Halluzipilze‹, ›Pilzli‹ oder ›Schwammerl‹ genannt, zu ernten. Sie können bis Mitte Januar gesammelt wer den. Mir wurde von sehr vielen Pilzsammlern berichtet, daß schon das Sammeln ein Ritual ist. Oft beginnt das Sammeln mit einem Gebet an die Erdgöttin Gaia oder an eine ominöse Pilzgottheit; es werden auch Opfergaben, z.B. kleine Kristalle, am Rande der Wiese oder Alm als Dank an den Pilzgeist abgelegt. Die ersten zwei Pilze sollte man essen, danach würde man die richtige Art zielsicher erkennen und überall finden können.
 
Einige Pilzsammler sagten mir, daß man die Pilze nur findet, wenn man »gut drauf« sei; Leute, die »schräg oder schlecht drauf seien«, können keine Pilze finden. Die Pilze können entweder frisch verspeist oder getrocknet gelagert werden. Gelegentlich werden die getrockneten Pilze pulverisiert und dann mit Fruchtsäften, Kakao oder Schokolade eingenommen. Die Dosierungsangaben liegen bei einer Handvoll frischer Pilze (ca. 10 – 20 g) oder 2–3 Gramm getrockneter Pilze. In jüngster Zeit hat sich vor allem der Gebrauch des Psilocybe cyanescens Wakefield – nicht zu verwechseln mit dem Panaeolus cyanescens (= Copelandia cyanescens) – in Deutschland und der Schweiz eingebürgert. Dieser Pilz gehört ohnehin zur einheimischen Mykoflora Mitteleuropas und kann von »Glückspilzen« sogar im Wald gefunden werden.
 
Der Psilocybe cyanescens gedeiht am besten auf Rindenmulch. Daher läßt er sich auch gut im eigenen Garten kultivieren. Dazu benötigt man nur ein Stück vom Mycelium. Der Psilocybe cyanescens, der u.a. den Spitznamen »Oink« trägt, gilt in Kennerkreisen als besondere »Psychedelikatesse«. Gewöhnlich haben schon drei getrocknete Pilze (ca. 1 g) eine sehr heftige entheogene Wirkung! In den siebziger Jahren wurde von pilzbegeisterten Tüftlern eine Methode zur heimischen Kultivierung von Stropharia cubensis Earle 1906 , »dem Pilz, der von den Sternen stammt«, entdeckt und erstmals auf Englisch im Jahr 1976 veröffentlicht (Oss & Oeric 1981). Dieses Buch wurde in viele Sprachen übersetzt, mehrfach indiziert und hat bis heute eine Gesamtauflage von einer halben Million (die Schwarz drucke nicht mitgerechnet) erreicht. Viele Menschen haben diese Kultivierungsmethode erfolgreich angewandt. Die Zuchtmethoden werden ständig verbessert und für den Hausgebrauch vereinfacht. Es wurden sogar Methoden entdeckt, wie der Psilocybingehalt gesteigert werden kann.
 
In den letzten Jahren sind auch die Arten Psilocybe cyanescens und Panaeolus subbalteatus Berk. & Br. erfolgreich in Heimlabors gezüchtet und rituell verspeist worden. Als wirksame Dosis des Stropharia cubensis werden 3–5 Gramm der getrockneten Pilze angegeben. Wobei je nach Bedarf des Genießers unterschiedliche Dosierungen für verschiedene Zwecke genommen werden. Diese reichten von einem kleinen Pilz zur milden Psychostimulation bis zum ›full blast‹ oder psychedelischen Durchbruch (Terence McKennas berühmtes ›heroisches‹ Rezept lautet: »Five gramm on an empty stomach in total silent darkness«). Meist werden die Zauberpilze frisch oder getrocknet verzehrt. Dabei haben sich bestimmte Formen des Genusses entwickelt. Zum Beispiel werden die Pilze in Honig eingetunkt oder pulverisiert mit Kakao getrunken. Manchmal wird auch etwas Schokolade zusammen mit den Pilzen gegessen.
 
Die modernen Ritualstrukturen
 
Das Bedürfnis nach sinnvollen Ritualen scheint beim westlichen Menschen der neunziger Jahre stärker denn je zu sein. Immer mehr Menschen beschäftigen sich damit, wie aus alten, verhärteten Strukturen neue lebendige Rituale geschaffen werden können. Die modernen Ritualstrukturen zum entheogenen Pilzgebrauch orientieren sich an den traditionellen indianischen Formen, so der mazatekischen Velada und dem Peyote Meeting der nordamerikanischen Indianer. Die indianischen Modelle für entheogene Rituale wurden auch für den Gebrauch von MDMA in Gruppen entsprechend adaptiert (Adamson 1985; Müller-Ebeling & Rätsch o.D.). Es sind Kreisrituale, die manchmal »Ceremonial Circle« oder »Heilkreis«, auch »Pilzkreis«, genannt werden. Der Einsatz von Kreisritualen ist nicht auf den sakramentalen Gebrauch von Pilzen oder anderen psychoaktiven Stoffen beschränkt; er hat sich in der eher heidnischen Gegenkultur weitgehend etabliert (Cahill & Halpern 1992). In den USA werden immer häufiger heilige psychoaktive Pflanzen in schamanistischen Ritualen eingenommen (Metzner 1988).
 
Die modernen Pilzrituale werden von den Teilnehmern meist als eine Form des »psychedelischen Schamanismus « betrachtet. Die Verwandtschaft zu den indianischen Ritualen wird gesehen. Allerdings haben die Teilnehmer das Gefühl, daß es sich um eine wiederbelebte Urform entheogener Rituale handelt, die allen Menschen dank des »kollektiven Unbewußten« oder des »morphogenetischen Feldes« zugänglich ist.
 
Das Set: Vorstellungen über Pilze  In den meisten Kulturen wurden oder werden psychoaktive Pflanzen benutzt. Die dadurch ausgelösten veränderten Bewußtseinszustände (altered states of consciousness, ABZ, VWB) werden kulturell geprägt und dienen sowohl dem gemeinsamen religiösen Erleben als auch der Heilung. Diese kulturelle Komponente beeinflußt die Erfahrung genauso wie die persönliche Einstellung dazu (Dobkin de Rios 1990). Die Wirkung einer psychoaktiven Substanz wird maßgeblich von den an sie gestellten Erwartungen (Set) mitbeeinflußt.
 
Es ist ein großer Unterschied, ob man glaubt, die Pilze seien ein gefährliches Rauschgift, das zwangsläufig Horrortrips induziert, oder eine Pflanze der Götter, die mystische Erfahrungen bewirkt. Über die Herkunft und Bedeutung der entheogenen Pilze gibt es bei den Pilzessern verschiedene Überzeugungen.
• Die Pilze sind außerirdische Wesen, die auf die Erde gekommen sind, um mit dem Menschen eine symbiotische Co-Evolution einzugehen.
• Die Pilze sind Geschenke der Götter bzw. der Erdgöttin Gaia und dienen dem Menschen dazu, ein ökologisches und schamanisches Bewußtsein zu erlangen.
• Die Pilze sind ein Geschenk der Natur und verbinden den Menschen mit der inneren und äußeren Natur.
• Die Pilze sind intelligente Wesen, die unser Gehirn benötigen, um sich ihrer selbst bewußt zu werden.
• Die Pilze sind Tore zur Anderswelt oder zum Wunderland; sie offen baren die wahre Wirklichkeit.
• Die Pilze sind Heilmittel, die nicht nur Krankheiten und Symptome heilen können, sondern den gesunden Menschen heiler werden lassen.
• Die Pilze erweitern die Wirklichkeit, fördern die Spiritualität und vertiefen das Naturverständnis.
• Der Pilz ist der Baum der Erkenntnis; jeder, der davon nascht, erkennt das Göttliche. 
• Die Pilze sind Lehrmeister oder Pflanzenlehrer, die vertiefte Erkenntnisse über den Menschen im Universum vermitteln.
 
Diese Überzeugungen stehen im krassen Gegensatz zu den Überzeugungen der Gesetzgeber und deren Organe (FDA, Bundesopiumstelle) sowie auch zur etablierten naturwissenschaftlichen Psychiatrie. Sie erinnern allerdings sehr stark an die indianischen und/oder schamanischen Anschauungen. 
 
Das Setting 
 
Die entheogenen Pilzrituale, an denen ich teilnehmen konnte, erfüllen dieses Modell bis in alle Einzelheiten. Ich werde die Rituale nach diesem Modell beschreiben. Dabei muß ich sagen, daß der Ablauf bei allen Treffen, an denen ich zugegen war, bis auf kleine Varianten gleich war. Die individuellen Besonderheiten der Ritualleiter – ob Männer oder Frauen – schlugen sich natürlich in der Form und den Gehalten des Rituales nieder. Von manchen Ritualleitern wurde betont, daß das Ritual einer strengen Form oder Ordnung bedarf; andere legten Wert auf die den Teilnehmern angepaßte Dynamik.
 
Ein Ritualleiter sagte, daß zu strenge Formen den Tod des Rituales bedeuten; ein Ritual würde von lebenden Menschen ausgeführt und solle dementsprechend lebendig bleiben. Er berief sich auf den indianischen Ritualclown, dessen Aufgabe es sei, das Ritual zu persiflieren und die Teilnehmer zum Lachen zu bringen. 
 
Rituale sollen nicht an er starrten Formen sterben, sondern humorvoll weiterentwickelt werden. Dabei würde der »Pilzgeist«, dem »der Schalk im Nacken sitzt«, die Funktion des Ritualclowns ausüben. Einige Ritualleiter sind der Meinung, daß während der Pilzeinnahme nicht gelacht werden soll. Andere Ritualleiter sehen im Lachen den »kosmischen Witz« des Pilzes, der eine starke Heilkraft in sich birgt (»nur wer lacht, ist gesund«). Ob gelacht wird oder nicht – die Ritualstruktur folgte bei allen Ritualleitern demselben Schema.
 
Zeit und Ort
 
Als Zeitpunkte für entheogene Pilzrituale werden vor allem Vollmondnächte, aber auch die alten heidnischen Feiertage, wie Sonnenwende, Tag-und-Nacht-Gleiche, Walpurgisnacht, Halloween und Ostern (Frühlingsfest), genannt. Die Pilzesser glauben, daß der Vollmond eine magische Kraft hat und mit den Kräften der Pilze harmonisiert. Die alten heidnischen Feiertage würden die Pilzerfahrung mit dem morphogenetischen Feld der alten Kulte erfüllen. Pilzkreise werden auch bei persönlichen Feiern, wie Hochzeiten (»high times«), Hauseinweihungen oder Geburtstagen, durchgeführt. In astrologischen Zirkeln werden Pilzrituale zu astrologisch günstigen Zeitpunkten abgehalten. Alle Treffen, an denen ich teilnahm, fanden an Wochenenden statt, da die meisten Teilnehmer unter der Woche ihrer Arbeit nachgehen.
 
Die Treffen beginnen entweder am Freitagabend oder am Vormittag des Sonnabends. Das Ende der Treffen ist Sonntagmittag. Die Orte für entheogene Pilzrituale werden sorgfältig ausgewählt (vgl. Rätsch 1992). Zum Teil finden sie in besonderen Seminarhäusern statt; oft an Orten traditioneller Heiligkeit. Bevorzugt werden alte Kultplätze oder sogenannte Kraftplätze. Manche Plätze, die als geeignet gelten, sind geradezu Pilgerorte der Pilzfreunde geworden, z.B. Palenque (Chiapas/Mexiko), Delphi (Griechenland) oder die Externsteine (Deutschland). Die Rituale finden bei gutem Wetter im Freien oder sonst in Tipis statt. Das indianische Tipi (auch »Medicine Tipi«) erscheint dabei als idealer Ritualraum (vgl. Laubin 1989: 241ff.). Zum einen ist der Kreis, in dem sich die Teilnehmer versammeln, vorgegeben, zum anderen deuten die gen Himmel strebenden Zeltstangen das kollektive Zusammenfließen der bepilzten Bewußtseine an.
 
Die Teilnehmer
 
Aufgrund der rechtlichen Situation werden die Pilzkreise verständlicher weise nicht öffentlich ausgeschrieben. Sie werden vom Ritualleiter terminiert. Die Informationen über Zeitpunkt und Ort werden von Mund zu Mund verbreitet. Wer sich von dem Pilz »angezogen« fühlt, nimmt teil. Die Teilnehmer solcher Pilzkreise stammen meist aus gebildeten und akademischen Kreisen. Viele arbeiten in kreativen Bereichen, sind als Künstler oder in den Medien tätig. Ich traf Industrielle, Schauspieler, Journalisten, Ethnologen, Physiker, Maler, Schriftsteller, Verleger, Redakteure, Apotheker, Kräuterhändler, Drogenberater, Sozialarbeiter, Psychiater, Ärzte, Therapeuten, Studenten, seltener Handwerker, Hausfrauen oder Fabrikarbeiter. Die Teilnehmer stammen aus allen Altersgruppen, von 18 bis 80. Das Durchschnittsalter liegt bei Mitte Dreißig.
 
Viele Teilnehmer stammen aus der sogenannten 68er Generation. In den meisten Kreisen war das Verhältnis von Männern und Frauen ausgeglichen. An den Kreisen nahmen 9 bis 20 Personen teil. Durchschnittlich waren es jedoch 12 Teilnehmer. Die meisten Teilnehmer hatten schon vorher psychedelische Erfahrungen gemacht (mit LSD oder Pilzen). Manche Teilnehmer hatten niemals zuvor ein Psychedelikum probiert und kamen zu dem Kreis, weil sie die Kraft der Pilze im rituellen Rahmen kennenlernen wollten. Von allen Ritualleitern wurde immer wieder betont, daß es sich bei den Pilzkreisen nicht um psychotherapeutische Behandlungen, sondern um spirituelle Treffen handelt.
 
Ein Ritualleiter sagte zur Begrüßung: »Im Pilzkreis geht es nicht um persönliche Probleme. Wir nutzen den Pilz, um über die personale Ebene hinaus zu gelangen, um den transpersonalen Raum zu erreichen und den Kontakt zur Natur zu finden. Die persönlichen Probleme möge bitte ein jeder für sich behalten, sie interessieren niemand anderen. Es geht um kosmische Visionen und nicht um die Therapie von Symptomen. Die Erfahrung der transpersonalen Ebene hat ohnehin eine spirituelle Heilkraft, die jedem zuteil wird.«
 
Paraphernalien
 
Kein Ritual kommt ohne Paraphernalien aus. Der Ritualort wird mit besonderen Dingen hergerichtet. Es werden Blumensträuße und Kerzen aufgestellt. An den Wänden werden Bilder aufgehängt, z.B. tibetische Thankas, Garnbilder der Huichol-Indianer, Fotos von Pflanzen oder Pilzen, Poster von Xochipilli, dem aztekischen Gott der entheogenen Pflanzen. In der Mitte des Raumes befindet sich ein flacher Tisch oder ein Tuch; darauf wird der Altar errichtet. Auf dem Altar platziert der Ritualleiter seine persönlichen Ritualgeräte oder »Kraftobjekte«, z.B. Götterstatuen aus verschiedenen Kulturen, Abgüsse von steinzeitlichen Göttinnenbildern (»Venus von Willendorf«), Pilzsteine und Kristalle. Die Teilnehmer werden auch dazu ermuntert, »Kraftobjekte« mit in den Kreis einzubringen, und sie gegebenenfalls auf dem Altar zu platzieren.
 
Der Gebrauch von Räucherstoffen ist ein fester Bestandteil eines jeden Pilzkreises. Der Ort des Treffens wird vorher ausgeräuchert, um »negative Schwingungen« zu vertreiben und um die Pilzgötter und -göttinnen anzuziehen. Es wird während allen drei Ritualphasen geräuchert. Der am häufigsten verwendete Räucherstoff ist Sage. Sage ist nicht mit Salbei zu verwechseln. Sage heißt auch Präriebeifuß (Artemisia ludoviciana, Artemisia scopulorum) und stammt aus den nordamerikanischen Prärien und Plains. Sage ist bei den nordamerikanischen Indianern das bedeutendste Räuchermittel. Bei nordamerikanischen Pilzkreisen wird fast ausschliesslich Sage, seltener Sweetgrass (Hierochloe odorata) benutzt. Bei europäischen Pilzkreisen wird, wenn vorhanden, am liebsten auch das echte indianische Sage verwendet. Als Ersatz wird manchmal Salbei (Salvia officinalis) benutzt. In letzter Zeit hat sich der Gebrauch von einheimischem Beifuß (Artemisia vulgaris) als rituellem Räuchermittel verbreitet. Als Räuchergefäß dient in den meisten Fällen die Schale eines großen Meerohres (Haliotis sp.), seltener ein tibetischer Räucherkelch. Harze und andere Räucherstoffe werden fast nie verwendet. Manchmal werden Räucherstäbchen verbrannt.
 
Duftstoffe (ätherische Öle, Blütenessenzen, Parfüms) und Duftlampen werden manchmal verwendet, um die Atmosphäre des Raumes nach den Prinzipien der Aromatherapie zu beeinflussen. Oft wird das Ylang-Ylang-Öl (aus den Blüten des Baumes Cananga odorata) benutzt. Es soll aphrodisische Wirkungen entfalten und die Pilzfreunde mit der »universellen Liebe« verbinden. Musik spielt bei allen psychedelischen oder entheogenen Ritualen eine wesentliche Rolle. Rhythmen, Töne und Klangfarben können das visionäre Erleben wesentlich strukturieren. Deshalb verwenden alle Ritualleiter bei ihren Kreisen Musik. Entweder werden die Teilnehmer gebeten, Trommeln und Rasseln mitzubringen, um selbst zu musizieren, oder es werden von den Ritualleitern CDs ausgewählt.
 
Bei fast allen Kreisen, an denen ich teilnahm, wurden CD-Player und CDs benutzt. Zur bevorzugten Musik gehören die Produktionen des Percussionisten Mickey Hart (von der Gruppe Grateful Dead) und die Richtung, die heute als »Weltmusik« bezeichnet wird. Die Musik ist stark rhythmusbetont und komplex in ihrer Struktur. Didgeridoo-Klänge, Obertongesänge und afrikanische Trommeln gehören zu den wichtigsten musikalischen Elementen. Die Pilzfreunde haben bei bestimmten CDs das Gefühl, sie seien extra für den Pilzgebrauch produziert worden. Die computergenerierte New-Age-Musik wird von den Pilzliebhabern als zu künstlich abgelehnt.
 
Das bei weitem wichtigste Ritualgerät ist der talking stick oder der »Sprechende Stab«. Der Sprechende Stab stammt aus dem nordamerikanischen Peyotekult (La Barre 1989). Er ist ein stabförmiges Gebilde, das individuell gestaltet sein kann. Je der Ritualleiter hat einen eigenen, selbst gefundenen oder selbst her gestellten Sprechenden Stab. Da der Sprechende Stab als ein männliches Gerät und als Phallussymbol gilt, wird er meist im Zusammenhang mit einem weiblichen Ritualgerät, gewöhnlich einer Rassel, die das Symbol der fruchtbaren Gebärmutter ist, verwendet. Der Sprechende Stab hat eine äußerst wichtige Funktion im Ritual. Jeder, der den Sprechenden Stab in Händen hält, ist aufgefordert, sich dem Kreis mitzuteilen (durch Singen, Sprechen, Schweigen, Rasseln). Alle anderen Teilnehmer schweigen und schenken der Person, die den Stab in Händen hält, ihre volle Aufmerksamkeit. Der Stab wird in allen drei Ritualphasen im Kreis herumgereicht (immer im Uhrzeigersinn). Dadurch, daß jeder den Stab so lange behalten kann, wie er oder sie möchte, kann man sich selbst den Raum ritueller Aufmerksamkeit gewähren. Äußerst selten fordert der Ritualleiter einen Teilnehmer auf, den Stab weiterzureichen.
 
Vorbereitung 
 
Wenn das Treffen am Freitagabend beginnt, tritt man gleich in die Vorbereitungsphase ein. Ritualleiter und Teilnehmer setzen sich in den Kreis und begrüßen sich. Der Leiter gibt ein Meerohr mit glosendem Sage (oder einem Substitut) herum, damit sich die Teilnehmer rituell reinigen können und damit sie sich für die Gruppe und die »Welt der Geister« öffnen. Der Gebrauch und die Bedeutung des Sprechen den Stabes wird erklärt. Der Stab wird im Kreis herumgereicht, damit sich die Teilnehmer daran gewöhnen und sich dabei der Gruppe vorstellen.
 
Der Ritualleiter gibt detaillierte Auskünfte über den Ablauf des Treffens, berichtet von den Kräften der Pilze, gibt einen geschichtlichen Überblick. Fast immer wird die Geschichte von Gordon Wasson und María Sabina erzählt. Den Teilnehmern wird gesagt, daß sie sich in der Nacht vor der Pilzeinnahme sexuell enthalten sollen. Den Männern wird empfohlen, falls sie von unbändiger Lust übermannt werden, wenigstens nicht zu ejakulieren. Dadurch würden sie Kraft verlieren, die ihnen dann bei der Begegnung mit dem Pilz abgeht. Nicht alle Ritualleiter legen Wert auf sexuelle Enthaltsamkeit. Auf jeden Fall hat die sexuelle Enthaltsamkeit nichts mit Prüderie zu tun, sondern dient der »Kanalisierung von Energie«. Gelegentlich wird am Freitagabend eine Schwitzhütte zur körperlichen und geistigen Reinigung durchgeführt.
 
Seit einigen Jahren hat sich der Gebrauch der indianischen Schwitzhütte bei weißen Amerikanern und Europäern – oft zum Leidwesen der Indianer – durchgesetzt. Der Gebrauch der Schwitzhütte (»Sweat Lodge«) wird allerdings oft von indianischen Medizinmännern in Workshops gelehrt (vgl. Deere 1987). Viele Ritualleiter haben die Konstruktion und die Durchführung der Schwitzhütte von Indianern oder anderen Lehrern erlernt (zur Konstruktion der Schwitzhütte siehe Bruchac 1993 und Laubin 1989: 191–200). In Anlehnung an die Schwitzhüttenreinigung gehen die Kreisteilnehmer am Freitagabend gemeinsam in die Sauna oder in ein Schwitzbad. Viele Teilnehmer haben mir berichtet, daß sie diesen Teil des Rituales als Vorbereitung auf die Pilzerfahrung sehr schätzen, u.a. weil sie sich da durch vom Alltagstrott befreit fühlen.
 
Wenn sich die Gruppe erst am Sonnabendvormittag trifft, fällt die Schwitzhüttenzeremonie weg. Dann beginnt das Treffen mit der Begrüßung per Sprechenden Stab usw. Ab dem Frühstück wird gefastet. Der bei indianischen Ritualen gelegentlich vorkommende Gebrauch von abführenden und brecherregenden Mitteln kommt bei den Pilzkreisen praktisch nie vor. Von allen Ritualleitern wird die Wichtigkeit der Fragestellung, mit der jeder Teilnehmer in die Erfahrung geht, betont. Um den Teilnehmern zu ermöglichen, sich selbst über ihre Fragestellung klarzuwerden, werden verschiedene Techniken vorgeschlagen und verwendet.
 
Manchmal machen die Ritualleiter mit den Teilnehmern eine Phantasiereise oder eine geleitete Meditation. Meist jedoch wird ein medicine walk oder »Medizingang« durchgeführt. Der Medizingang findet am Nachmittag statt. Dazu begibt sich die Gruppe in die Natur, in den Wald, in die Berge, die Prärie oder in die Wüste. An einem Platz (»Kraftplatz«), der vom Ritualleiter ausgewählt wird, setzen sich alle im Kreis hin. Der Ritualleiter instruiert die Teilnehmer über den Verlauf des Medizinganges. Alle Teilnehmer sollen sich nach einer Phase des Schweigens aus dem Kreis entfernen und auf die Suche nach »ihrem Platz« gehen. Sie sollen dabei in alle Richtungen aus schweifen, jeden Kontakt mit anderen Personen meiden, sie vollständig ignorieren. Sie sollen sich von ihrer Intuition leiten lassen, versuchen, den inneren Dialog abzustellen, und sich mit aller Kraft auf die Wahrnehmung der Natur konzentrieren. Sie würden von selbst zu »ihrem Platz« geführt werden. Dort sollen sie sich für eine Stunde niederlassen und sich ganz auf die Wahrnehmung des Ortes beschränken. Immer wenn sie gedanklich abschweifen, sollen sie sich wieder auf Objekte der Außenwelt besinnen.
 
Nach einer Stunde sollen die Teilnehmer schweigend in den Kreis zurückkehren. Die Teilnehmer werden gebeten, ein oder mehrere natürliche Objekte, die sie auf ihrem Medizingang finden, die irgendwie ihre Aufmerksamkeit erregen oder die »zu ihnen sprechen«, mitzubringen, wenn sie in den Kreis zurückkehren. Oft geben derartige Objekte – meist handelt es sich um Steine, Holzstücke, Federn, Schneckenschalen, Tannenzapfen, Pilze usw. – den Teilnehmern den wesentlichen Impuls, sich über die eigene Fragestellung bewußt zu werden. Wenn die Teilnehmer zum Kreis zurück gekehrt sind, sollen sie die mitgebrachten Objekte erklären und in den Kreis legen. Die Objekte werden dann mitgenommen und auf dem Altar des Ritualraumes deponiert. Bei manchen Ritualen nennen die Teilnehmer der Reihe nach ihre Fragestellung. In anderen Ritualen sollen sie die Fragestellung für sich behalten. Die häufigsten Fragestellungen, die ich gehört habe, lauteten:
»Wo stehe ich im Leben?«
»Wie soll ich mich in meiner derzeitigen Situation entscheiden?«
»Wie kann ich eine bestimmte Verhaltensweise verändern?«
»Was kann mich der Pilz lehren?«
»Was habe ich für ein Verhältnis zur Natur oder zur Erde?«
»Wie werde ich gesund?«
»Was muß ich in meinem Leben ändern?«
»Woher komme ich, wohin gehe ich?«
»Was ist die Aufgabe meines Lebens?«
»Was hat das Leben für einen Sinn?«
 
Zwischen dem Medizingang und der Pilzeinnahme, also der Durchführungsphase, wird den Teilnehmern noch Raum und Zeit gegeben, zu meditieren oder sich zurückzuziehen. Manchmal geht die Gruppe auch in die Sauna. Die Teilnehmer sollen dann baden oder duschen und sich festlich kleiden. Oft werden bunte T-Shirts mit eindeutig psychedelischen Bezügen getragen. Auch ziehen die Teilnehmer orientalische Gewänder, indianische Ponchos oder selbst angefertigte Ritualkleider an. Viele Teilnehmer legen besonderen Schmuck, oft indianischen oder tibetischen Silber- und Türkisschmuck, an. Zu den bevorzugten Schmuckstücken gehören indianische Peyotevögel, Pilzamulette und buddhistische Malas. Das Tragen von Masken und Gesichtsbemalungen ist sehr selten. Das Parfümieren mit ätherischen Ölen und Essenzen ist hingegen weit verbreitet.
 
Durchführung
 
Die Durchführung des Pilzkreises dauert fast genau vier Stunden. Die Zeitpunkte des Beginns und des Endes bestimmt der Ritualleiter. Meist wird der Kreis gegen 20:00 Uhr begonnen. Er löst sich dann gegen Mitternacht auf. Der Pilzkreis beginnt mit verschiedenen Vereinbarungen:
»Niemand verläßt während des Rituales den Kreis, es sei denn, man muß zur Toilette (aber dorthin geht man nur, wenn niemand den Sprechenden Stab in Händen hält).«
»Niemand nimmt während des Pilzkreises Kontakt zur Außenwelt auf (z.B. per Telefon).«
»Niemand verletzt sich selbst oder andere.«
»Niemand erzählt Außenstehenden, wann und wo der Kreis stattgefunden hat und wer daran teilgenommen hat.«
»Niemand erzählt, woher die Pilze stammen.«
 
Dann wird der Sprechende Stab herumgereicht, und jeder Teilnehmer muß sich mit den Vereinbarungen einverstanden erklären. Wer nicht einverstanden ist, soll den Kreis verlassen (kommt praktisch nie vor). Nach den Vereinbarungen wird Sage geräuchert und im Kreis herumgereicht.
 
Wenn sich alle mit dem Rauch gereinigt haben, werden die Pilze verteilt. Bei manchen Ritualen bestimmt der Leiter die Menge, die von den Teilnehmern genommen werden soll, bei anderen Ritualen bestimmt jeder für sich die richtige Menge. Im Durchschnitt werden bei Pilzkreisen drei Gramm getrockneter Pilze (entweder Psilocybe semilanceata oder Stropharia cubensis) pro Person gegessen. Während die Teilnehmer – die Ritualleiter nehmen fast immer selber auch Pilze – die Pilze essen, ruft der Leiter die Pilzgeister an, richtet Gebete an die vier Himmelsrichtungen und an verschiedene heidnische Gottheiten, beschwört Krafttiere und Ahnengeister. Solche Gebete können je nach Ritualleiter individuell sehr unterschiedlich sein. Manchmal fallen sie ganz weg. Manchmal wird eine Pilzgeschichte (z.B. von Terence McKenna) vorgelesen oder erzählt.
 
Nach dem Pilzverzehr sollen sich die Teilnehmer schweigend setzen oder hinlegen und auf die anflutende Wirkung der Pilze warten. Dazu wird Musik gespielt, meist eine CD von Mickey Hart oder Gary Thomas. Da die Wirkung nach ca. 20 Minuten einsetzt, wird eine erste Runde mit dem Sprechenden Stab nach ca. einer Stunde (entspricht etwa der Länge einer CD) nach Pilzeinnahme gemacht. Zu diesem Zeitpunkt sind alle Teilnehmer »drauf«. Sie sollen sich jetzt dem Kreis der Gruppe zuwenden. Der Stab wird herumgereicht. Oft wird bei dieser Runde geschwiegen oder gesungen. Die meisten Teilnehmer sind zu diesem Zeitpunkt »sprachlos«. Nach dieser ersten Runde, die kaum länger als eine halbe Stunde dauert, sollen sich die Teilnehmer wieder hinlegen und ganz in sich gehen, dem Pilz begegnen und sich ihre Visionen einprägen.
 
Es wird wieder für etwa eine Stunde Musik gespielt Danach beginnt die wichtigste Runde. Der Sprechende Stab wird wieder herumgereicht. Jetzt haben die meisten Teilnehmer ihre Sprache wiedergefunden und berichten von ihren Visionen. Durch die ungeheure Konzentration der Gruppe auf jeweils eine Person im Kreis kommt es oft zu dem Phänomen der shared vision oder »geteilten Vision«. Manche Teilnehmer erzählen sehr anschaulich von ihren Erfahrungen. Durch die empathogene (Neben-) Wirkung der Pilze können sich die anderen Teilnehmer so stark in die Vision hineinversetzen, daß sie selbst daran teilhaben. Es werden meist transpersonale Visionen berichtet. Manche Teilnehmer werden zu »Sprachrohren der Pilze«. Gelegentlich werden Prophezeiungen verkündet. Manche Teilnehmer haben eine »Comic-Wahrnehmung«; ihre humorvollen Mitteilungen an den Kreis sorgen oft für unglaubliche Lachekstasen. Manche Teilnehmer werden auch mit ihrer Trauer oder mit inneren Schmerzen konfrontiert, über die sie dann berichten. Durch die allgemeine Aufmerksamkeit können solche Personen ihre Trauer und ihren Schmerz leichter annehmen. Mir wurde oft berichtet, daß solche Erfahrungen als besonders heilsam oder befreiend erlebt wurden. Die allgemeine Akzeptanz für Lust und Schmerz, für Trauer und Humor ist erstaunlich hoch.
 
Diese Runde dauert oft eine oder sogar eineinhalb Stunden. Die Teilnehmer erzählen fast immer, daß sie sich im Kreis Gleichgesinnter geborgen und beschützt fühlen. Dadurch können sie viel tiefer in die Erfahrung hineingehen. Der Kreis wird als der richtige Rahmen für die Pilzerfahrung betrachtet. Nach dieser Runde gibt es wieder Musik. Die Teilnehmer gehen nach der totalen Öffnung nach außen wieder nach innen. Manchmal er zählt der Ritualleiter zu diesem Zeitpunkt eine Geschichte (meist eine Mythe). Nach Ablauf der Musik wird die Schlußrunde begangen. Dazu wird wiederum der Sprechende Stab herumgereicht. In dieser Runde bedanken sich die Teilnehmer gewöhnlich bei den Pilzen, bei dem Kreis, der Gruppe, den Göttern und Göttinnen usw. Manchmal wird dazu ein Trinkhorn oder ein Pokal mit Wein oder Bier, um sich wie der zu »erden«, gereicht.
 
Der Ritualleiter nimmt den Stab zum letzten Mal entgegen und legt ihn mit den Worten »hiermit endet der Kreis für heute« nieder. Zu diesem Zeitpunkt ist die Pilzwirkung am Abklingen. Einige Teilnehmer ziehen sich zurück, andere rotten sich zusammen. Oft wird ein gemeinsames Nachtmahl, z.B. eine Suppe, eingenommen. Manchmal entwickelt sich eine Party mit orgiastischen Zügen. Gelegentlich geht man nach draußen, um ein Feuer anzuzünden.
 
Nachbereitung 
 
Am Sonntagmorgen trifft man sich zum gemeinsamen Frühstück. Die meisten Teilnehmer sind hungrig und haben guten Appetit. Beim Frühstück wird meist gescherzt und gelacht, manchmal werden die Träume der letzten Nacht erzählt und diskutiert. Nach dem Frühstück versammeln sich alle in dem Ritualraum und nehmen wieder ihren Platz im Kreis ein. Es wird wieder Sage geräuchert. Für viele Teilnehmer ist der Geruch von Sage nach einem Pilzkreis auf immer mit der Pilzwirkung assoziiert. Mir wurde mehr fach berichtet, daß man durch den Geruch des Sages so stark an die Pilzerfahrung erinnert wird, daß man sich wieder in den Kreis zurückversetzt fühlt. Der Ritualleiter spricht nun über die Bedeutung der Nachbereitung.
 
Die Nachbereitung bzw. Verarbeitung der Erfahrung sei eigentlich der wichtigste Teil des Rituals. Visionen seien nur dann wertvoll, wenn sie mitgeteilt werden. Die Visionen sollen ernst genommen werden, denn sie geben die Richtlinien für die Zukunft vor. Jetzt wird der Sprechende Stab zum letzten Mal herumgereicht. Die Teilnehmer sollen nun über ihre Erfahrungen sprechen. Oft wird ihnen erst zu diesem Zeitpunkt klar, daß sie ihre Frage beantwortet haben und was sie vom Pilz alles gelernt haben. Es kommt dabei oft zu starken emotionalen Reaktionen und Dankbarkeitsbezeugungen. Wenn der Stab zum Leiter zurückgekehrt ist, gibt er noch ein paar Tips, wie man die Erfahrung in seinen Alltag integrieren kann. Dazu wird empfohlen, die Erfahrung aufzuschreiben, Visionen zu malen (z.B. in Form von Mandalas) und möglichst vielen Menschen davon zu berichten.
 
Eine gute Methode, um sich die Visionen in Erinnerung zu rufen, sei das meditative Hören der Musik, die während des Pilzkreises gespielt wurde. Dazu werden die CDs herumgereicht. Meist endet diese Nachbereitung damit, daß der Ritualleiter nochmals die Bedeutung der Pilze hervorhebt, die Teilnehmer an die Vereinbarung, weder Ort noch Zeit, noch Leute bekanntzugeben, erinnert, wohl aber über die eigene Pilzerfahrung zu sprechen. Nach einem gemeinsamen Mittagessen trennt sich die Gruppe. Die sich oft zuvor fremden Menschen verlassen das Ritual als Freunde.
 
Mir ist bekanntgeworden, daß sich aus solchen Begegnungen oft dauerhafte Freundschaften und intensive Beziehungen ergeben haben. Es scheint so, als wenn Menschen, die sich bei einem Pilzkreis kennengelernt haben, sich für ewig miteinander verbunden fühlen. Praktisch alle Teilnehmer gehen aus dem Ritual mit einer tiefen Dankbarkeit hervor. Sie haben fast immer das Gefühl, in die Mysterien des entheogenen Pilzes eingeweiht worden zu sein und ihre eigene Stellung im Kosmos erkannt zu haben. Ein Ritualleiter sagte ein mal: »Auf die Pilze ist immer Verlaß. Egal, was während der Wirkung passiert, ob die Leute völlig ausflippen, den nackten Horror erleben, schamanisch zerstückelt werden oder in Paranoia verfallen, am Ende leuchtet der Pilz und verbreitet seine sagenhafte Heilkraft.«
 
Die entheogenen Pilze haben in der westlichen Welt einen spirituellen Kult mit eigenen Ritualen hervorgebracht, der durchaus mit dem Peyotekult der Native American Church und ähnlichen Bewegungen zu vergleichen ist (La Barre 1990). Der moderne entheogene Pilzkult ist eine Rückkehr zum Heidentum (»Neopaganism«). Dort wird inzwischen ein Pantheon der Pilzgötter verehrt. Die wichtigsten Gottheiten, die mit dem entheogenen Pilzgebrauch assoziiert werden, sind der Bienengott von Tassili (Algerien), der mexikanische Gott der Ekstase Xochipilli, der germanische Gott der Ekstase und Erkenntnis Wotan/ Odin, der berauschte Weingott Dionysos, der Kiffergott Shiva und vor allem die Große Göttin in all ihren Manifestationen. (In der Tat werden diese Götter auch ansonsten im Volkstum mit psychotropen Pilzen assoziiert; vgl. Haseneier 1992). Diese Gottheiten haben den Pilzgenießern nicht nur das Geschenk der Pilze gemacht, sie erscheinen auch in ihren Visionen und zeigen ihnen den »rechten Weg durchs Leben«. Oft wird die Pilzwirkung als eine aphrodisische Ekstase der Liebesgöttin empfunden. Bei den bepilzten Ritualteilnehmern manifestiert sich folgende Anschauung: Der Pilz schenkt den Menschen die universelle Liebe – zu sich selbst und anderen Menschen, zu den Pflanzen und Tieren, zur Erde und der Galaxis, zu den Göttern und Göttinnen, aber vor allem zu den Pilzen.
 
Literatur
 
Adamson, Sophia (= Ralph Metzner) 1985 Through the Gateway of the Heart: Accounts of Experiences with MDMA and other Empathogenic Substances. San Francisco: Four Trees Publications.
 
Andritzky, Walter 1993 »Heilen mit der Meister-Medizin«, Esotera 6/93: 90–95.
 
Bresinsky, Andreas & Helmut Besl 1985 Giftpilze. Stuttgart: WVG.
 
Bruchac, Joseph 1993 The Native American Sweat Lodge: History and Legends. Freedom, CA: The Crossing Press.
 
Cahill, Sedonia & Joshua Halpern 1992 Ceremonial Circle. San Francisco: Harper.
 
Deere, Philipp 1987 »Warnung vor falschen Medizinmännern« in: Claus Biegert (Hg.), Indianische Welten, S. 260–265, Reinbek: Rowohlt.
 
Dobkin de Rios, Marlene 1990 Hallucinogens: Cross-Cultural Perspectives. Bridport/Dorset: Prism Press.
 
Haseneier, Martin 1992 »Der Kahlkopf und das kollektive Unbewußte« Integration 2&3: 5–38.
 
Hofmann, Albert, Roger Heim & Hans Tscherter 1962 »Présence de la psilocybine dans une espèce européenne d’Agaric, le Psilocybe semilanceata Fr. Note (*) de MM.« in: C.R. Acad. Sc. Paris, t. 257, p. 10–12, 1963.
 
La Barre, Weston 1989 The Peyote Cult, Fifth Edition, Enlarged. Norman und London: University of Oklahoma Press.
1990 The Ghost Dance: Origins of Religion. Prospect Heights, Illinois: Waveland Press.
 
Laubin, Reginal & Gladys 1989 The Indian Tipi: Its History, Construction, and Use (Second Edition). Norman & London: University of Oklahoma Press.
 
Linder, Adrian 1981 »Kultischer Gebrauch psychoaktiver Pflanzen in Industriegesellschaften – kulturhistorische Interpretation« in: Rausch und Realität, Bd. 2: 724–729, Köln: Rautenstrauch-Joest Museum.
 
Metzner, Ralph 1988 »Hallucinogens in Contemporary North American Shamanic Practice« Proceedings of the Forth International Conference on the Study of Shamanism and Alternate Modes of Healing (Independent Scholars of Asia): 170–175.
 
Müller-Ebeling, Claudia & Christian Rätsch o.D. »Kreisrituale mit Peyote und MDMA« in: Constanze Weigle & Ronald Rippchen (Hg.), MDMA: Die psychoaktive Substanz für Therapie, Ritual und Rekreation, S. 68–74, Löhrbach: Werner Pieper’s MedienXperimente (Der Grüne Zweig 103, erweiterte Neuauflage).
 
Oss, O.T. & O.N. Oeric 1981 Psilocybin: Ein Handbuch für die Pilzzucht. Linden: Volksverlag.
 
Rätsch, Christian 1991 »Bridges to the Gods« Annali dei Musei civici – Rovereto 6(1990): 127–138. 1992 »Setting – Der Ort der psychedelischen Erfahrung im ethnographischen Kontext«, Jahrbuch des Europäischen Collegiums für Bewußtseinsstudien 1992: 123–132, Berlin: VWB.
 
Remann, Micky 1989 SolarPerplexus: Achterbahn für die Neunziger. Basel: Sphinx. Rippchen, Ronald (Hg.) Zauberpilze. Löhrbach: Werner Pieper’s MedienXperimente (Der Grüne Zweig 155).
 
Tedlock, Barbara 1978 »Der Weg des Clowns« in: Denis & Barbara Tedlock (Hg.), Über den Rand des tiefen Canyon: Lehren indianischer Schamanen, S. 109–121, Düsseldorf und Köln: Diederichs.
 
Thompson, J.P., M.G. Anglin, W. Emboden & D.G. Fischer 1985 »Mushroom Use by College Students« Journal of Drug Education 15, 111.
 
Weil, Andrew 1977 »The Use of Psychoactive Mushrooms in the Pacific Northwest: An Ethnopharmacologic Report« Botanical Museum Leaflets, Harvard University 25(5): 131–149.
 
Dieser (leicht adaptierte) Text, der in der originalen Schreibweise beibehalten wurde, entstammt dem Buch Maria Sabina: Botin der heiligen Pilze, Nachtschatten Verlag 1996/2023

Direktlink: https://www.lucys-magazin.com/spirituality/p/heilige-pilze-in-modernen-ritualen