Ahuakulla
In den Mestizen-Traditionen, die durch das Christentum kolonisiert wurden, nannte man ihn San Pedro; denn ebenso, wie diese Figur aus derjüdisch-christlichen Tradition die Schlüssel besitzt, um die Tore zum Himmel zu öffnen, vermag dieser Kaktus die Pforten zur Erweiterung des Bewusstseins zu öffnen. Doch der männliche Name dieses biblischen Charakters steht im Widerspruch zur heiligen weiblichen Eigenschaft dieser Pflanze und ihrer weiblichen schamanischen Kräfte. Dieser Name und der religiöse Synkretismus um die Pflanze führten auch dazu, dass in den schamanischen Mestizo-Traditionen der Anden die mythischen Überlieferungen zu dieser heiligen Pflanze verloren gingen und die Mythologie vom heiligen Kaktus als Träger der Schlüssel zum christlichen Himmel aufkam. Archäologische Überreste aus der Vor-Inka-Zeit zeugen von einem sehr alten schamanischen Gebrauch.
In seinem Buch Magier der vier Winde (1978) schreibt Douglas Sharon: «Die älteste Darstellung des San Pedro befindet sich auf einem Steinblock, der vor Kurzem auf einem kreisförmigen Platz im Hof des alten Tempels von Chavín de Huantar im nördlichen Hochland ausgegraben wurde. Diese Darstellung ist als Basrelief eingraviert und zeigt eine Seitenansicht der Hauptgottheit von Chavín: ein mythologisches menschenähnliches Wesen mit schlangenartigen Haaren, Zähnen, einem Gürtel mit einer zweiköpfigen Schlange und Adlerklauen. In der verlängerten rechten Hand hält die Figur einen San-Pedro-Kaktus mit vier Blattadern. Die Chavín-Kultur hatte ihre Blütezeit zwischen 1400 und 400 v.Chr., und der behauene Stein stammt aus der Zeit um 1300 v.Chr. Vor Kurzem entdeckte Textilien aus Chavín an der südlichen Küste von Peru deuten darauf hin, dass San Pedro im ersten Jahrtausend v.Chr. verwendet wurde. Der auf den Textilien abgebildete Kaktus besitzt keine Stacheln und ist in Verbindung mit einer Katze und einem kolibriartigen Wesen dargestellt. Es gibt auch San-Pedro-Darstellungen aus Keramik, die aus Chavín stammen. Eine der ältesten kommt von der Küste im Norden von Peru. Man nimmt an, dass sie aus der Zeit zwischen 1000 und 700 v.Chr. stammt, und sie zeigt die magische Pflanze neben einem Hirsch. Fünf Gefäße, auf denen der San Pedro neben einem Jaguar angeordnet ist, stammen wahrscheinlich aus der Zeit von 700–500 v. Chr. Auf jedem Gefäß sieht man den San Pedro mit vier Rippen neben einem gefleckten Jaguar und spiralförmigen Verzierungen.» (2) Früher wie heute verwendete man den Ahuakulla-Kaktus für schamanische Zwecke in den Andenregionen von Bolivien, Kolumbien, Ecuador und Peru.
Dank des botanischen Wissens über Ayahuasca, das mir mein erster Meister, Taita Martín Ágreda von den Ureinwohnern von Camëntzá im Valle de Sibundoy (Putumayo, Kolumbien), vermittelt hatte, erhielt ich Gelegenheit, mich mit dem schamanischen Gebrauch des Ahuakulla vertraut zu machen. Er gab mir bei vielen nächtlichen Ritualen einen köstlichen Cocktail aus Ayahuasca und Ahuakulla zu trinken, um den Kaktus kennenzulernen, und erlaubte mir später den Gebrauch des wertvollen Kaktus.
In unserem Gemeinschaftshaus Nabi Nunhue («Haus des Jaguars») führen wir regelmäßig Zeremonien mit dieser heiligen Pflanze durch. Bei einer dieser Zeremonien hatte ich Gelegenheit, einen Blick auf ihre Ursprungsmythen zu werfen: Beim alles erhellenden Lichtblitz des Chuki Illapa, des ersten Blitzes im Kosmos, hörte man den uralten Donner des Kutu Illapa, des ersten Donners; Inti, die Sonne, schien mit der ganzen heiligen Kraft von Nina, dem Feuer, in einer leuchtenden Schlange, die sich durch Fuyu, die Wolken, schlängelte, um zur Mutter Erde, Allpa Milli, hinunterzusteigen und bis zu Uku Pacha, der Unterwelt, zu gelangen.
Dies war der erste Strahl, der ursprüngliche Strahl: Inti Illapa («Funke der Sonne»). Inti Illapa ist eine Schlange des Feuers (Amaru Nina). Nach dem Eintauchen in die Unterwelt (Uku Pacha) entspringt sie der Erde dort auf den Gipfeln der Anden als Yakumama, die Schlangenmutter des Wassers, und fließt dann wie der große Fluss Allkumayu, der «Fluss des Hundes» (3) – heute bekannt als der Amazonas –, bis ins Meer, Mama Kucha, das die Erde umfasst und sie beschützt. Dort schenkt Yakumama dem Meer ihre Vitalität, vereint ihren Körper mit der heiligen Lagune (Kucha) und gibt Mutter Erde Schutz, indem sie sie mit ihrem Körper umhüllt.
An diesem heiligen Ort, wo Inti Illapa, die Schlange (Amaru) des Feuers (Nina), die Erde berührte und in ihr aufging und als großer Fluss wieder auftauchte, teilte sich die Schlangenmutter des Wassers (Yakumama) und entfaltete ihren Körper in eine weitere Schlange, die über die Erde floss und in sie eindrang, um ihr ihre schützende Kraft zu schenken. Diese andere Schlange trägt den Namen Sachamama, «die Mutter des Waldes» (4). Sachamama ist eine heilige zweiköpfige Schlange, die ihren Körper mit dem Harn des ersten Blitzes energetisiert hat. Sie steht aufrecht wie ein Baumstamm.
Als Sachamama sich aufrichtete, brachte sie Mallki (5) hervor: Dieser Ur-Baum der Ahnen war der erste Ahuakulla, der aus der Erde hervorging. Dies war der Ursprung des heiligen Kaktus der Anden (6). Die Energie des Mallki Ahuakulla verdichtete und bildete sich aus dem «Urin» des Blitzes und dem Körper der Sachamama, strahlte in den Kosmos aus und formte so Kuichi, den Regenbogen, den Ring aus Licht, der im Himmelszelt als Amaru (Schlange) leuchtet und als Schimmer im farbigen Gefieder des Huakamayu, des heiligen Vogels – Ahua, aus dem «Urin» des Blitzes – Kulla strahlt. So kehrt die ursprüngliche Energie, die als Blitz aus Hanan Pacha (dem Himmel) hervorging, um den Ahuakulla aus der Erde hervorzubringen, zum Himmel zurück, indem er die Farben der Energie seines Körpers als Regenbogen ausstrahlt.
Durch diese mythologischen Urahnen des Ahuakulla können wir die Ikonographie des alten Tempels von Chavín de Huantar besser verstehen. Douglas Sharon schreibt, dass die Gottheit von Chavín in dem Moment, in dem sie die Erde berührt und ihr die heilige Kraft des Ahuakulla schenkt, die sie in der rechten Hand hält, zu Inti Illapa gehört. In den schamanischen Traditionen überreicht man die heiligen Geschenke mit der rechten Hand. Das Schlangenhaar ist die Manifestation der Kraft und die Macht von Illapa (der Blitz), der auch Chukilla (7), Inti Illapa («Lichtblitz der Sonne», «Funke der Sonne») und Kuri Kakcha («Goldglanz») genannt wird. Der Blitz (Illapa) ist die heilige Kraft des Feuers; sein Körper ist eine leuchtende Schlange (Amaru), die zickzackförmig durch die Wolken (Fuyu) vorrückt, bis sie sich in die Unterwelt (Uku Pacha) begibt. Er ist aber auch ein himmlischer Krieger, der eine Schleuder (Huaraka) besitzt. Wenn er sie schüttelt, gibt es eine Explosion aus Feuer, Licht und Tönen. In der anderen Hand hält er eine Keule, die Regen und Hagel (Runtu) (8) erzeugt. Der Regen und der Hagel sind der «Urin» des Blitzes. Illapa bildet drei himmlische Kräfte, die sich zusammentun: Chuki Illapa («Speer-Blitz»), Kutu Illapa («Rotz-Blitz»; wie der Lärm, den er von sich gibt: der Donner) und Inti Illapa («Lichtblitz der Sonne», «Sohn der Sonne»). Zusätzlich zu seiner Beziehung zum Feuer, dem Feurigen und dem Wasser (Yaku) wird Illapa zur Yakumama («Mutter des Wassers»), zur großen Amaru («Schlange»), die der Ursprung der Flüsse ist. Der Blitz steht auch in Beziehung zum Adler – nicht nur in der Tradition der Anden, sondern auch in verschiedenen indianischen Traditionen, wie zum Beispiel beim Wakinyan Tanka (Donnervogel) der Lakota sowie im Amazonasgebiet. Dies zeigt sich daran, dass die Hände der Gottheit von Chavín wie Adlerklauen geformt sind. Ihre Jaguar-Eckzähne sind die Zähne des Inti (des «Sonnen-Jaguars»). Dies zeigt die Kraft des Jaguar-Blitzes, des Sohns des Sonnen-Jaguars, und erklärt auch die alte Beziehung zwischen dem Ahuakulla und dem Jaguar, die auf den Keramik-Kunstwerken von Chavín zu sehen ist. Die zweiköpfige Schlange, welche die Gottheit als Gürtel trägt, ist Sachamama, die Schlangenmutter des Waldes, die Mutter des Urwaldes, die, indem sie sich aufrichtet, den Mallki Ahuakulla formt, der den Inti Illapa im alten Tempel von Chavín de Huantar in der rechten Hand hält.
In den schamanischen Ritualen der indigenen Völker, die den heiligen Kaktus verwenden, sei es nun der Ahuakulla oder der Peyote (Lophophora williamsii), konnte man spüren, dass sein Geist durch den Hirsch bewohnt wird. Der Geist des Hirsches ist fröhlich, spielerisch, tänzerisch, singend und musikalisch: schamanische Tugenden, die das Festliche und die farbigen Visionen des entheogenen Rausches begleiten. Der Geist des Hirsches fördert nicht nur die Freuden des Geistes und des Daseins, er ermöglicht auch die Heilung von Furcht und Angst. Mit seiner Freude ruft er den flinken, glänzenden und bunten Kolibri herbei, den heiligen Vogel, der vom Nektar des Ahuakulla trinkt.
Der Geist des Kolibri (Kindi) und der Geist des Huakamayu schenken dem Geist des Ahuakulla die heilige Tugend des Kaktus der tausend Farben, der im Weltall in der Fülle des Regenbogens zu sehen ist.
Nabi Nunhue, 12. Januar 2005
Übersetzung aus dem Spanischen: Nadia Thomet
1 Der Name des Vogels, Guacamayo, ist eine spanische Version seines Namens in der Sprache Quechua, huakamayu (von huaka «Platz, Ort und heilige Existenz» und mayu: «Fluss», Huakamayu: «Heiliger Vogel des Wassers»).
2 Douglas Sharon: Der Magier der vier Winde (1978), S. 62–63.
3 Allku, «der Hund des Wassers», ist der Fischotter (Lutra enudris).
4 Sacha: «Berge, Urwald, Wald».
5 Mallki: «Baum der Urahnen», «Ursprung», «Samen»; «Mutter».
6 «Zur Zeit der Inkas bedeutete das Wort für Mumie – mallki – auch ‹Samen›. Wenn diese begriffliche Analogie Teil des Nazca-Totenkultes war, dann war möglicherweise die Botschaft, welche auf den Graburnen durch den San Pedro (Trichocereus pachanoi) übermittelt wurde, dass die tote Person als Samen begraben wurde, der im Jenseits keimen würde. Möglicherweise symboli-sierten die Triebe des San Pedro die Fähigkeit der Samen-Persönlichkeit, nach einer sorgfältigen Bestattung im Dunkeln wieder aufzuerstehen – genau wie der San Pedro, der jeden Frühling in der Nacht blüht» (Douglas Sharon, Der Magier der vier Winde).
7 Chuki: «Speer», Illa: «Leuchten».
8 Die Konstellation Chukichinchai («Himmlischer Jaguar»), die Plejaden, bringt man auch mit dem Blitz in Verbindung, wenn beide Hagel (runtu) produzieren: der himmlische Jaguar mit seinem Speer (chuki) und der Blitz mit der Keule.
Direktlink: https://www.lucys-magazin.com/nature/p/ahuakulla