Lucys Mix
Rentiere und Fliegenpilz
Was ist an der berühmten Geschichte dran?
Samorini wertet in seiner Arbeit „Reindeer and Fly Agaric (Amanita muscaria)“ die ethnografischen Angaben zum Verhältnis von Rentieren und Fliegenpilzen aus. Dabei zeigt sich eine widersprüchliche Quellenlage. Ethnografen haben sowohl über eine mögliche Anziehung von Rentieren gegenüber Pilzen allgemein als auch speziell gegenüber A. muscaria berichtet. Eine eindeutige Präferenz der Tiere für den Fliegenpilz lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.
Auch die häufig erzählte Verbindung zwischen Rentieren und menschlichem Urin ist laut Samorini nicht eindeutig geklärt. In der ethnografischen Literatur finden sich unterschiedliche Angaben darüber, ob Rentiere von menschlichem Urin angezogen werden und ob dies speziell für den Urin von Menschen gilt, die Fliegenpilz konsumiert haben.
Für die sibirischen Rentierhirten besitzt der Zusammenhang dennoch eine traditionelle Bedeutung. Samorini berichtet, dass sie das Fleisch von Rentieren, die Fliegenpilz aufgenommen haben, als für Menschen berauschend betrachten. Außerdem soll die Anziehung der Tiere gegenüber Fliegenpilzen zur Gefangennahme oder Domestizierung von Rentieren genutzt worden sein.
Ob Rentiere Amanita muscaria tatsächlich bevorzugt aufnehmen oder den Pilz lediglich gelegentlich fressen, bleibt damit offen. Nach Samorini wurde die Frage bislang nicht durch spezifische Untersuchungen geklärt. Die bekannte Geschichte vom „berauschten Rentier“ ist somit ethnografisch überliefert, aber keine wissenschaftlich bestätigte Tatsache.


Kommentare