Zauberpilze: Mehr als nur Psilocybin?

Ethnomykologie: Natürliches Psilohuasca

Wissen | 16.07.2026 07:00

Schon seit langer Zeit werden psychoaktive Substanzen, sogenannte Entheogene, traditionell zu spirituellen, mystischen und religiösen Zwecken verwendet. Dabei haben diese Stoffe die Entwicklung der Weltreligionen nachhaltig beeinflusst; die Organismen, welche sie produzieren, wie Pflanzen und Pilze, wurden von den Urvölkern verehrt.
Text: Felix Blei
 
Eine besondere Stellung nehmen hier die psychedelischen Pilze aus der Gattung Psilocybe ein. Forschungen haben gezeigt, dass die Menschen diese Pilze schon seit vielen Tausend Jahren zu spirituellen Zwecken konsumieren. Für die Azteken waren sie sogar heilig, und sie nannten sie Teonanacatl, was übersetzt «Fleisch der Götter» bedeutet.
 
Erst 1955 gelang es Gordon Wasson als erstem westlichen Besucher, an einer Pilzzeremonie bei mexikanischen Ureinwohnern teilzunehmen. Dank Albert Hofmann konnten 1958 die Tryptamine Psilocybin und Psilocin erstmals isoliert, benannt und für die psychoaktive Wirkung verantwortlich gemacht werden.
 
Nach der Aufnahme wird Psilocybin in der Leber schnell zum eigentlich aktiven Wirkstoff Psilocin umgesetzt. Weltweit sind mittlerweile über 200 verschiedene Pilzarten bekannt, welche diesen Inhaltsstoff produzieren, wobei sie auf nahezu jedem Kontinent der Erde zu finden sind. Einige Arten, wie Psilocybe cubensis, lassen sich sehr einfach kultivieren und werden deshalb auf der ganzen Welt von Psychonauten zu Rauschzwecken gezüchtet.
 
Ein anderes, sehr bekanntes Entheogen ist Ayahuasca, dessen Name aus der Quetchua-Sprache der Andenregion Südamerikas stammt und «Seelenranke» bedeutet. Der Trank wirkt stark psychotrop, und die indigenen Völker Lateinamerikas setzen ihn seit mindestens 1000 Jahren bis heute in schamanistischen Zeremonien ein (Miller, Albarracin-Jordan et al. 2019).
 
Um Ayahuasca herzustellen, kocht man Pflanzenteile der DMT-haltigen Psychotria viridis mit der im Amazonasbecken vorkommenden Liane Banisteriopsis caapi zu einem Pflanzensud. Dieser enthält das oral inaktive Psychedelikum N,N-Dimethyltryptamin (DMT) und pflanzliche Beta-Carboline, nämlich die Alkaloide Harmin, Harmalin und Tetrahydroharmin aus Banisteriopsis. Durch eine temporäre Hemmung des Enzyms Monoaminooxidase A (MAO-A) verhindern die Beta-Carboline den Abbau des DMT und ermöglichen damit die Entfaltung der psychedelischen Effekte.
 
Dasselbe Enzym sorgt auch nach der Aufnahme von Psilocybin und Psilocin für deren Abbau. Obwohl das Psilocybin, das Psilocin und weitere Tryptamine schon seit mehr als 60 Jahren bekannt sind, hat man weiteren Inhaltsstoffen der Magic Mushrooms bisher offenbar keine Beachtung geschenkt.
 
Forschern der Universität Jena ist es erst kürzlich gelungen, die aus dem Ayahuasca bekannten Beta-Carboline ebenfalls in verschiedenen Pilzen der Gattung Psilocybe zu entdecken (Blei, Dörner et al. 2019). Als sehr potente Inhibitoren der Monoaminoxidase (MAO) können Beta-Carboline die Wirkung des Psilocybins verstärken, indem sie dessen Abbau im Körper verlangsamen. Dadurch können sich die psychedelischen Effekte, die durch den Konsum der Pilze ausgelöst werden, im Vergleich zum Reinstoff verlängern; auch könnte dies eine Erklärung für unterschiedliche Erfahrungen beim Konsum verschiedener Zauberpilze darstellen.
 
Durch die Hemmung der MAO-A könnte sich zudem der Wirkeintritt der psychedelischen Effekte (onset) beschleunigen. Was hat Ayahuasca nun mit den halluzinogenen Pilzen zu tun? Laut der erwähnten Publikation entdeckte man erstmals die Wirkstoffe Harman und Harmin und weitere Beta-Carboline wie das Norharman, das Perlolyrin und Cordysinine in verschiedenen Spezies der Gattung Psilocybe. Die Wirkstoffe ließen sich in den Fruchtkörpern, Pseudosklerotien («Trüffeln») sowie im Myzel der Pilze in unterschiedlicher Zusammensetzung nachweisen. Im Myzel fanden sich dabei die höchsten Mengen an Beta-Carbolinen. Momentan befindet sich die Forschung in einer «psychedelischen Renaissance».
 
Neueste Ergebnisse zeigen, dass Psilocybin bei der Psychotherapie von Angst- und Zwangsstörungen und bei der Suchtentwöhnung von Rauchern und Alkoholkranken wirksam sein kann. Klinische Studien der Johns-Hopkins-Universität und der New Yorker Universität zeigten Behandlungserfolge von 60 bis 80 Prozent bei Depressionen und Angstzuständen durch eine Einmalgabe von Psilocybin (Sherwood et Prisinzano 2018). In all diesen Studien wurde stets Psilocybin als Einzelwirkstoff verabreicht. Allerdings wurden, verglichen mit Banisteriopsis caapi, nur geringe Mengen der Beta-Carboline in Psilocybe gefunden, und es existieren noch keine Forschungsdaten zu der Wirkweise von Psilocybin in Kombination mit den gefundenen Beta-Carbolinen. Daher bleibt momentan offen, ob die Anwendung der Pilze als Ganzes einen Vorteil gegenüber der Einzelgabe des synthetischen Wirkstoffes hat.
 
In der Wissenschaft spricht man von einer synergistischen Wirkung, wenn zwei unterschiedliche Stoffe zum selben Ziel beitragen und sich in ihren Effekten gegenseitig vervielfältigen. Durch die synergistische Wirkweise könnten die Beta-Carboline in Psilocybe trotz der geringen Konzentrationen zu einem relevanten Effekt beitragen. Inwiefern genau die gefundenen Beta-Carboline zu den bereits bekannten Wirkungen der halluzinogenen Pilze beitragen, müssen daher weitere Forschungen zeigen.
 
In den verschiedenen Psilocybe-Spezies ließen sich ebenfalls unterschiedliche Zusammensetzungen der Beta-Carboline nachweisen. Eine bemerkenswerte Eigenschaft der Beta-Carboline ist, dass sie unter Schwarzlicht fluoreszieren. Die Vielfalt der verschiedenen Carboline zeigt sich auch durch die wunderschön leuchtenden Pastellfarben der Extrakte. Abgesehen davon, dass sie den Abbau des Psilocins hemmen, lassen sich weitere spannende pharmakologische Eigenschaften der Beta-Carboline beobachten.
 
Durch eine Verabreichung von Ayahuasca konnte bei Patienten die Anzahl der Serotonin-Transporter erhöht werden; die Forscher legen aufgrund der neuroprotektiven Eigenschaften der Beta-Carboline eine Anwendung bei degenerativen Erkrankungen nahe (Callaway et al. 1994). Ein weiterer Mechanismus, der aktuell im Zentrum der Forschung steht, ist die Hemmung der Kinase DYRK1a durch verschiedene Beta-Carboline. Schon geringste Konzentrationen von 0,09 µM Harmol oder 0,7 µM Harmin zeigten eine fast vollständige Hemmung der Aktivität dieses Proteins.
 
In den Trüffeln von Psilocybe mexicana wurden Konzentrationen von bis zu 1,6 µg Harman pro Gramm Trockengewicht gefunden. Pro Konsumeinheit werden durchaus mehrere Gramm dieser Trüffel verzehrt. Die Hemmung dieses Proteins durch die Beta-Carboline zeigte in Studien neuroprotektive Eigenschaften, die in Zukunft sogar zur Behandlung von Erkrankungen wie Alzheimer dienen könnten.
 
Die Mengen, die für diese Interaktion benötigt werden, könnten somit schon in einer Konsumeinheit psychedelischer Pilze enthalten sein (Frost, Meechoovet et al. 2011). Weiterhin steht eine Fehlregulation von DYRK1a im Verdacht, das Down-Syndrom auszulösen; Inhibitoren dieses Enzyms stehen im Fokus für den Einsatz als erstes mögliches Heilmittel bei dieser Erkrankung (Duchon et Herault 2016). Laut einer weiteren Veröffentlichung stimulierte die Verabreichung von Harmin die Proliferation (schnelle Entwicklung) von neuronalen Vorläuferzellen.
 
Die Nervenzellen zeigten nach der Gabe von Harmin eine höhere Anzahl neu geknüpfter Synapsen. Auch frühere Studien legen nahe, dass eine gestörte Neurogenese bei Erwachsenen mit Depressionserkrankungen in Verbindung steht. Die Autoren begründen den antidepressiven Effekt von Ayahuasca, das ebenfalls für eine mögliche therapeutische Anwendung erforscht wird, speziell mit der positiven Wirkung von Harmin auf die Entwicklung von Nervenzellen (Dakic, de Moraes Maciel et al. 2016). Das in den Zauberpilzen gefundene Perlolyrin zeigte in der Vergangenheit antithrombotische Eigenschaften (Tang, Jiang et al. 2001), und die Cordysinine C/D, isoliert aus dem Fruchtkörper von Ophiocordyceps sinensis, der als wichtiger Heilpilz in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) bekannt ist, wiesen in Studien entzündungshemmende Eigenschaften auf (Yang, Kuo et al. 2011).
 
Die in Psilocybe neu entdeckten Beta-Carboline könnten also vielfältige pharmazeutische Wirkungen aufweisen, die bisher unentdeckt geblieben sind. Ihr Zusammenspiel mit dem Psilocybin vor allem im Hinblick auf die Wirkung zu untersuchen, ist das Ziel zukünftiger Forschungen. Auch 60 Jahre nach der Entdeckung des Psilocybins sind die weiteren Inhaltsstoffe der psychedelischen Pilze noch weitgehend unerforscht. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die in den Pilzen gefundenen Beta-Carboline in anderen Zusammenhängen bereits intensiv erforscht wurden und hier vor allem bei neuronalen Erkrankungen eine Vielzahl positiver Auswirkungen zeigten.
 
Weiterhin vermutet man aufgrund der Hemmung der MAO-A, dass die speziesabhängigen Beta-Carbolin-Profile zu den unterschiedlich wahrgenommenen Effekten sowie zum zuweilen differenten Wirkeintritt (onset) der Pilze führen könnten. Außerdem könnte der Mix an Beta-Carbolinen in Psilocybe durch ihre zahlreichen pharmazeutischen Eigenschaften zusätzliche, bisher unerforschte positive Eigenschaften aufweisen.
 
In der Tat kann hier also erstmals von einem durch Pilze produzierten „Psilohuasca“ gesprochen werden. Auf jeden Fall könnten die gleichzeitige Produktion eines Cocktails synergistischer Wirkstoffe und deren gemeinsame Wirkung ein weiterer Hinweis darauf sein, warum die halluzinogenen Pilze überhaupt 1–2 % ihrer Trockenmasse in einen psychotropen Wirkstoff investieren. Bis heute gibt es nur Hypothesen über die Frage, aus welchem Grund die psychedelischen Pilze derart hohe Mengen an Psilocybin produzieren. Aus evolutionärer Sicht muss der Effekt der erwähnten Naturstoffe, wegen des hohen Energieaufwandes bei der Produktion, für die Psilocybe-Pilze überlebensnotwendig sein. Dass die Strategie dieser Pilze aufgeht, zeigen uns ihre große Artenvielfalt und nahezu weltweite Verbreitung. Wir können also gespannt darauf sein, welche Entdeckungen die zukünftige Forschung für uns in Bezug auf diese nicht nur aus pharmazeutischer Sicht faszinierenden Organismen noch machen wird. lucys-magazin.com/autoren/felix-blei/  
 
Literatur
 
Blei, F., Dörner, S. et al. (2019). Simultaneous Production of Psilocybin and a Cocktail of β-Carboline Monoamine Oxidase Inhibitors in «Magic» Mushrooms. Chemistry - A European Journal
 
Callaway, J. C., Airaksinen, M. M., McKenna, D. J., Brito, G. S., & Grob, C. S. (1994). Platelet serotonin uptake sites increased in drinkers of ayahuasca. Psychopharmacology, 116(3), 385–387.
 
Dakic, V., et al. (2016). «Harmine stimulates proliferation of human neural progenitors». PeerJ 4: e2727
 
Duchon, A. and Herault, Y. (2016). «DYRK1A, a dosage-sensitive gene involved in neurodevelopmental disorders, is a target for drug development in Down syndrome.» Frontiers in behavioral neuroscience 10: 104.
 
Frost, D. et al. (2011). "Beta-Carboline compounds, including harmine, inhibit DYRK1A and tau phosphorylation at multiple Alzheimer's disease-related sites." PloS one 6(5): e19264
 
Miller, M.J., Albarracin-Jordan, J. et al. (2019). "Chemical evidence for the use of multiple psychotropic plants in a 1,000-year-old ritual bundle from South America." Proceedings of the National Academy of Sciences 116(23): 11207-11212.
 
Sherwood, A. M. et T. E. Prisinzano (2018). Novel psychotherapeutics–a cautiously optimistic focus on Hallucinogens, Taylor & Francis
 
Tang, G.-H., et al. (2001). "Inhibitory effect on platelet aggregation and anti-thrombotic effect of perlolyrine and its analogues." Chinese Journal of Pharmacology and Toxicology 15(4): 317-319.
 
Yang, M.-L., et al. (2011). "Anti-inflammatory principles from Cordyceps sinensis." Journal of natural products 74(9): 1996-2000.

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