Traumexkursionen
Im Alter von ungefähr 17 Jahren hatte ich folgenden Traum: Ich befand mich in einer Schweizer Landschaft mit sanften Hügeln und Bergen in der Ferne. Es war Morgen und noch etwas kühl. Am Horizont ging eine riesige Sonne langsam auf, sie war so groß, dass sie mein Blickfeld von links bis rechts ausfüllte. Sie war gewaltig. Ich sah aus großer Nähe, wie ihr ungeheures Feuer brannte und wie riesige, flammende Protuberanzen in den Raum hinausschossen. Doch ihr Anblick war nicht erschreckend, im Gegenteil, es ging eine Zärtlichkeit und Kraft von ihr aus, in der ich mich geborgen und aufgehoben fühlte.
Text: Christoph Gassmann
Links hinter mir stand ein Schulkamerad von mir, ich zeigte ihm die wunderbare Sonne und fragte ihn: «Siehst du das?» Nein, er sah sie nicht, und so meinte er abschätzig, dass ich wohl einen Trip eingeworfen hätte.
Ich erwachte, oder besser gesagt, ich fokussierte auf die Welt in meinem Schlafzimmer, denn ich war vorher schon in einem hyperwachen Zustand, in dem die Farben der Szenerie von innen leuchteten. Und so könnte man sagen, dass sich mein Wachzustand auf ein normales Maß absenkte. Doch ich blieb in einer Hochstimmung, die etwa zwei Wochen andauerte.
Diese visionäre Traumerfahrung war überwältigend, doch ich verstand sie nicht wirklich. Ich erkannte instinktiv, dass in mir eine unglaubliche spirituelle Kraft vorhanden war, die sich im Traum manifestieren konnte. Meinen außerordentlich klaren Zustand in jenem Traum konnte ich damals jedoch nicht einordnen, erst viele Jahre später wurde ich bei der Beschreibung visionärer Zustände und luzider Träume fündig. Doch meine Neugier war geweckt, und ich begann mich für Psychologie, alternative Bewusstseinszustände und Mystik zu interessieren.
Ein paar Jahre später machte ich dann Bekanntschaft mit LSD, das ich bisher nur vom Hörensagen kannte. Auch da wurde ich in einen Bewusstseinszustand versetzt, der meiner Traumerfahrung in gewisser Hinsicht glich; er war erhöht und die Farbwahrnehmung war intensiviert. Doch unterschied er sich dadurch, dass es ein Rauschzustand war; die Traumerfahrung hingegen war klar und nüchtern, sogar hyperklar, ohne jegliches Gefühl der Berauschung. Ich war im Traum wach, so wach wie nie zuvor. Auch auf LSD kann sich das Gefühl einstellen, bewusster zu sein als üblich.
Ich kann mich zum Beispiel erinnern, wie ich einmal an der sonntäglichen Seepromenade des Städtchens Rapperswil saß und die Leute beobachtete. Diese erschienen mir wie ferngesteuerte Zombies, die nicht wirklich lebendig waren. Es war eine erschreckende Erkenntnis, doch beruhte sie auf der Tatsache, dass wir weitgehend konditioniert sind und häufig im Autopiloten durch unser Leben wandeln.
Solche Einsichten kann man gewinnen, wenn man auf die eine oder andere Art diese konditionierte und automatisierte Lebensweise verlässt, sei es durch luzides Träumen, sei es durch psychedelische Substanzen. Den Begriff luzides Träumen lernte ich erst gut zehn Jahre später kennen, in den 1980er Jahren. Natürlich interessierte ich mich dafür und begann, damit zu experimentieren. Ich hatte nach einiger Anstrengung Erfolg, diesen wachen, gelegentlich hyperwachen Traumzustand zu erreichen.
Die Grundlage dafür war ein regelmäßig geführtes Traumtagebuch, das ich 1982 begann und bis heute weiterführe. Die luziden Träume wurden für mich zu einer philosophischen Offenbarung. Ich erkannte, dass wir nachts in einer sehr realen Welt leben, die psychischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist und nicht physischen. Die Befreiung von physischen (und auch sozialen) Normen in der Traumwelt ist eine ekstatische Erfahrung, die häufig zu Flugträumen in wunderbaren Landschaften führt. Hier ein Beispiel: Ich war unterwegs und flog mit einem Helikopter über eine gebirgige Landschaft.
Ich realisierte, dass ich träumte und somit ohne Gerät fliegen konnte. So flog ich im freien Flug über Felder und Berge in der Höhe. Ich flog relativ niedrig und konnte mit geschärftem Blick gut sehen, was unter mir vorbeizog. Offenbar hatte es vor kurzem geregnet, denn die Wiesen waren teilweise überschwemmt. Das Wasser glitzerte und perlte im Sonnenlicht. Überhaupt war das Licht überwältigend schön, klar und funkelnd. Ich betrachtete die Wasserläufe durch die Wiesen unter mir. An einer Stelle sah ich Armeeutensilien im Wasser schwimmen, automatische Gewehre und auch größere Teile von Kanonen. Dann sah ich, dass es im Wasser glitzernde Fische gab. Sie waren schlank und halb durchsichtig. Sie flitzten mit mir und unter mir durchs Wasser. Sie waren herrlich. Wo war ich in jenem Traum? War das eine Traumwelt oder eine Astralreise zu einer physischen Landschaft? Oder war das gar in einer anderen Welt? War dort Krieg? Ich weiß es nicht.
Doch solche Fragen beginnen aufzusteigen, wenn man sich auf das luzide Träumen einlässt. Hier noch eine luzide Erfahrung: Als ich luzide wurde und mir somit bewusst war, dass ich mich in einem Traum befand, ging ich durch einen langen schmalen Tunnel in die Tiefe. Es wurde immer dunkler und enger, schließlich kam ich aber an einem anderen Ort, einer anderen Welt heraus. Ich befand mich in einer Stadt, die aus einem riesigen und kunstvoll gestalteten Gebäude bestand. Ich wanderte staunend durch majestätische Säulenhallen und an eindrücklichen Kuppelbauten vorbei. Es zeigten sich nicht viele Leute, und ich war oft alleine unterwegs. Doch dann kam ich an etwas Ähnlichem wie einer Bar vorbei. Hinter der Theke stand gebückt eine hübsche Barfrau mit seidenglänzendem langem schwarzem Haar. Sie sah freundlich aus und ich näherte mich ihr. Ich fragte sie, wo ich sei. Sie hob ihren Kopf und hatte ein ganz fremdartiges Gesicht, vielleicht etwas asiatisch, aber auch echsenartig. Sie sprach mit mir, doch ich verstand kein Wort, und die Verständigung klappte nicht.
So setzte ich meine Wanderung fort, doch nun war ich auf dem Lande. Dabei wurde mir bewusst, dass mich beim Gehen etwas auf dem Rücken liebkoste, das ich nicht einordnen konnte, bis ich realisierte, dass es ein Panzer war, den ich auf dem Rücken trug. Ich selber war also ein echsenartiger Bewohner jener Welt! Die Grundlagen solcher Erfahrungen sind ein Traumtagebuch und ein sporadisches Luziditätstraining, das im Wesentlichen darauf abzielt, Automatismen im Traumschlaf zu hinterfragen und damit bewusst zu machen. Beides braucht eine gewisse Disziplin und Ausdauer, wird aber mitunter durch Erfahrungen belohnt, die über die engen Grenzen unserer physischen Welt weit hin- ausgehen. Die Auseinandersetzung mit der Welt der Träume wurde zu einem zentralen Thema meines Lebens.
Weiterführende Literatur
Christoph Gassmann: Bewusster Träumen: Ein Buch für Traumjournalisten. Seth-Verlag 2017
Paul Tholey: Schöpferisch träumen. Wie Sie im Schlaf das Leben meistern: Der Klartraum als Lebenshilfe. Edition Klotz 2017
Stephen LaBerge: Träume, was du träumen willst: Die Kunst des luziden Träumens. mvg Verlag 2014. lucys-magazin.com/autoren/christoph_gassmann
Direktlink: https://www.lucys-magazin.com/knowing/p/traumexkursionen