Transhumanismus

Fortschrittsoptimismus - Die Zukunft der Menschheit?

Wissen | 22.07.2026 07:00

Bereits der erste Schub der Digitalisierung hat gezeigt, wie schnell eine Technologie sich der gesellschaftlichen Kontrolle entziehen und sich verselbstständigen kann. In der Geschichte der Menschheit haben einzelne Erfindungen und technologische Errungenschaften schon häufig zu Umwälzungen geführt, aber die gegenwärtige Welle der Veränderungen – ausgelöst durch die digitale Revolution und die sich abzeichnenden Neuerungen auf den Gebieten der Bio- und Nanotechnologie – ist womöglich beispiellos in ihrer Eigendynamik und Komplexität sowie vor allem äußerst invasiv.

Frank Sembowski

Die Computer und das Internet haben uns neue Freiheiten gebracht, aber auch neue Abhängigkeiten. Einerseits sind sie Mittel zur Lösung einer zunehmenden Zahl globaler Probleme, andererseits tragen sie erheblich zu deren Verschärfung bei. Ablesen kann man das am gesteigerten Ressourcen- und Energiebedarf, an der grenzenlosen Monopolisierung und am Phänomen der Entwertung von Wissen und Kunst.

In Krisenzeiten wie diesen steigt die Bereitschaft, vermeintlich einfache Lösungen zu akzeptieren. Das kann sich im Rückgriff auf längst überwunden geglaubte Ideologien oder wie im Fall des Transhumanismus in einer Art Schicksalsergebenheit äußern. Die transhumanistische Bewegung hat auf die Herausforderungen der Zeit ihre eigene Antwort gefunden: Nicht der rasante technologische Wandel ist für sie das Problem, sondern die Menschen, die das sinnstiftende Moment und die evolutionäre Notwendigkeit dieses Wandels nicht erkannt haben.

Ihre eigene Geisteshaltung bezeichnen die Transhumanisten passenderweise als proaktiven Fortschrittsoptimismus [2]: Die Zukunft der Menschheit – so lautet ihre Prophezeiung – wird eine herrliche sein. Doch welche humanistischen Werte wird diese transhumane Zukunft mit sich bringen? Wird es die Menschheit, wie wir sie kennen, in hundert Jahren noch geben? Oder wird sie sich aufgespalten haben in Gegner und Befürworter einer Entwicklung, deren Ausmaß wir im Moment nur erahnen können?

Obwohl der Transhumanismus diverse Strömungen und Einzelmeinungen umfasst, ist die Begriffsbestimmung des Philosophen Julian Huxley aus dem Jahr 1957 weiterhin aktuell. In ihr schildert er den Transhumanismus als einen Akt kollektiver Verantwortung, der die Menschheit zu sich selbst führt:

«So diese es wünscht, kann sich die Spezies Mensch selbst transzendieren – nicht nur vereinzelt, ein Individuum hier auf diese Weise, ein Individuum dort auf jene Weise, sondern in ihrer Ganzheit, als Menschheit. Für diese neue Zuversicht muss noch ein Name gefunden werden. Vielleicht wird ihr Transhumanismus gerecht: der Mensch, der Mensch bleibt, aber sich selbst durch die Verwirklichung neuer Möglichkeiten transzendiert, ausgehend von seiner menschlichen Natur und für seine menschliche Natur.» [3]

Gehen wir vorab auf einige weit verbreitete Missverständnisse ein:

  • a) Das Transhumane kann gemäß der erweiterten Synthese der Evolutionstheorie als Bestandteil der menschlichen Evolution verstanden werden. So gesehen hat es nichts Künstliches an sich.

  • b) Tatsächlich wohnt das Transhumane dem Menschen von Anfang an inne, es ist seine ureigene Natur: Kleidung, Kunst und Spiritualität, aber auch Medikamente, Sehhilfen, Zahnersatz und Herzschrittmacher zeugen davon.

  • c) Aus biologischer Sicht ist jede Art eine Momentaufnahme der Zeit. Die Transhumanisten haben den ewigen Fortschritt in ihren Manifesten zum Dogma erklärt; sie übersehen allerdings, dass es in der Evolution keinen Plan, kein Höheres und kein Ziel, sondern nur Anpassung gibt. An diesem Punkt unterliegt der Transhumanismus einem Fehlschluss.

  • d) Auch wenn der Begriff Transhumanismus fast ausschließlich technologisch gedeutet wird, kann er sich auf beliebige Weise manifestieren, beispielsweise in neuen kulturellen Leistungen oder Gesellschaftssystemen.

Die Vermischung von Posthumanismus und Transhumanismus schafft regelmäßig Verwirrung: Der Transhumanismus macht die zentrale Aussage, dass die Natur oder das Wesen des Menschen bewahrt bleibt [1]. Wo dies nicht möglich oder nicht gewollt ist, handelt es sich um Posthumanismus. Verschiedene Endzeit-Szenarien des Transhumanismus sind eigentlich Visionen des Posthumanismus. Hierzu gehören folgende Vorstellungen:

  • Indem wir in die Keimbahn eingreifen, bestimmen wir den evolutionären Weg unserer biologischen Nachkommen selbst. Aus Teilen der Menschheit entsteht so nach einiger Zeit eine neue Art.

  • Wir werden die Geburtshelfer intelligenter Roboter, die sich von einem bestimmten Punkt an körperlich eigenständig reproduzieren und sich selbst vervollkommen (Anbruch der Singularität). Die so ins Leben gerufene Entwicklungslinie fordert Ressourcen ein und begreift uns früher oder später als Konkurrenz.

  • Der Geist eines Menschen wird in eine neuromorphe Hardware transferiert (mind uploading) und erlangt auf diese Weise Unsterblichkeit.

Auch wenn Enthusiasten dieses Szenario geradezu herbeisehnen, kann man seine Durchführbarkeit (und Sinnhaftigkeit) nur anzweifeln. Gelänge es, die zugrunde liegenden biochemischen Prozesse und das vierdimensionale neuronale Muster eines menschlichen Gehirns ausreichend genau auszulesen und nachzubilden und würde man auf diesem Wege den geistigen Kern eines Menschen reproduzieren, könnte man ihn auch mehrfach kopieren. Damit würde man wohl artifizielle Nachkommen erzeugen, aber den Spendern noch lange nicht zur Unsterblichkeit verhelfen.

Worauf läuft der Transhumanismus praktisch gesehen hinaus, wenn man den Posthumanismus ausklammert?

An erster Stelle wären hier Fortschritte in der Medizin zur Verlängerung des Lebens und zur Verbesserung der Lebensqualität zu nennen. Speziell angeführt werden Prothetik (Ersatz für Organe oder Körperteile), Gen- und Nanotherapie und Neuro-Enhancement als Mittel zur Steigerung der allgemeinen geistigen Leistungsfähigkeit. Letzteres weist bereits über die Grenzen der Medizin hinaus.

Große Hoffnungen setzen die Transhumanisten auch in die Kryonik (das Einfrieren des Körpers zwecks Überdauerung und späterer Wiederbelebung), das maschinelle Lernen und die Künstliche Intelligenz (KI). Des Weiteren prognostizieren sie sogenannte Mensch-Computer-Schnittstellen. Darunter versteht man künstliche Gewebe, die mit Nervenzellen kommunizieren und – wie man zeigen kann – nach relativ kurzer Zeit ins sensorische Körperfeld übernommen werden [4]. Schnittstellen dieser Art würden nicht nur die Steuerung künstlicher Gliedmaßen erlauben, sondern auch die physiologische Wahrnehmung durch neue oder verbesserte Sinne erweitern. Bei direkter Ankoppelung an das Gehirn könnte man Zugang zu virtuellen Räumen erlangen und (nach der Vorstellung einiger Transhumanisten) in eine Art Bewusstseinskollektiv eintauchen.

Alles in allem erweist sich die transhumanistische Vision als bemerkenswert technologielastig. Man merkt ihr die Nähe zur Science-Fiction, der primären Quelle ihrer Inspiration, deutlich an. Es ist dieser unbedingte Glaube an die technischen Wunderwerke der Zukunft, der wiederum Misstrauen hervorruft. Während der medizinische Fortschritt auf breite Akzeptanz stößt, weil er mit dem verständlichen Wunsch verbunden ist, die Lebensqualität und -dauer zu steigern, mangelt es der Transformation durch Technik an humanistischer Notwendigkeit.

Zwar behaupten die Transhumanisten, eine Idee zu vertreten, die das Glück der Menschheit im Blick behält. Aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es ihnen in erster Linie um Entertainment und die Machbarkeit an sich geht. Menschliches Glück hängt nicht von futuristischen Technologien ab. Es beruht auf einem bejahenden Selbstwertgefühl und auf der Überwindung innerer Grenzen vor dem Hintergrund des Wissens um die eigene Sterblichkeit. Der Tod ist für die Transhumanisten dagegen etwas höchst Verdächtiges – Max More erkennt in ihm das größte aller Übel [5].

Weil Glück nicht erzwungen werden kann, erhält die apodiktische Forderung nach immer mehr Intelligenz, Schönheit und Leistungsvermögen die Aura des Luxuriösen. Dabei ist es wenig ratsam, sich aus Bequemlichkeit oder Leichtgläubigkeit von Technologien (und deren Konzernen) abhängig zu machen. Man sollte nicht übersehen, dass es die Hersteller sind, die gegenwärtig und in Zukunft die Entwicklungsziele vorgeben. Eine einmal getätigte Investition will auch wieder eingetrieben sein.

Die erklärte Absicht der Transhumanisten, Chancen und Gefahren zukünftiger Entwicklungen gegeneinander abzuwägen, halte ich für naiv. Steuernd einzugreifen wird allein deswegen schon nicht gelingen, weil die Vergangenheit gezeigt hat, dass Innovationen völlig überraschend auftauchen und umgekehrt Vorhersagen mit hoher Regelmäßigkeit nicht eintreten [6].

Wie eine solche Überraschung aussehen kann, erfuhr die Weltöffentlichkeit, als bekannt wurde, dass der chinesische Forscher Jiankui He auf eigene Faust die ersten gentechnisch veränderten Menschen erzeugt hatte [7], [8]. Zwar wurde sein Vorpreschen fast einhellig verurteilt (vor allem, weil im konkreten Fall der potenzielle medizinische Nutzen das Risiko schwerer Nebenwirkungen nicht aufwog), das ändert jedoch nichts daran, dass mit diesem Experiment ganz nach dem Geschmack der Transhumanisten ein neues Zeitalter angebrochen ist.

Gerade in Anbetracht solcher Ereignisse fragt man sich, warum aus transhumanistischer Sicht den Möglichkeiten, die dem Menschen seit jeher zur Verfügung stehen, so wenig Wert beigemessen wird [9]. Ist es nicht bezeichnend, dass die traditionellen psychoaktiven Substanzen unterschlagen werden, wenn von Neuro-Enhancement die Rede ist? Geht es nur um banale Leistungssteigerung und Optimierung? Oder darf der Mensch auch zufrieden sein mit dem, was er hat, und sich der Kreativität, Gelassenheit und Naturbetrachtung hingeben?

Die Bewusstseins- und Denkschablonen westlicher Menschen, die sie daran hindern, aus sich auszubrechen und ihr transhumanes Wesen zu entfalten, sind kulturbedingt. Uns fehlt es in den meisten Fällen auch nicht an Intelligenz; unsere größte Schwäche ist oft unsere Engstirnigkeit. Eine anorganische Superintelligenz wird – nicht anders als wir – im Rahmen eines auf Vorhersagen beruhenden Weltbildes operieren müssen. Sie kann uns lediglich das vermitteln, was die unveränderlichen Gleichungen von Vernunft und Logik vorgeben: Ehe wir zu den Sternen greifen, sollten wir zuerst versuchen, in Harmonie mit der Erde zu leben.

Nicht von ungefähr schloss schon Huxley die systematische Beschäftigung mit Spiritualität in seine Betrachtungen mit ein [10], umfasst sie doch genau die Vision, auf welche die Transhumanisten allergrößten Wert legen: die Transformation des Menschen durch Überwindung seiner evolutionären, kulturellen und sozialen Konditionierungen [11]. In der mystischen Erfahrung sind die Grenzen des Ego und der Art überwunden. Wozu bedarf es der geforderten Freiheit der körperlichen Form (morphological freedom), wenn man auf diese Weise die Interdependenz der biologischen Körper erkennen kann?

(Buchhinweis: Frank Sembowski: Liberalisierung psychoaktiver Substanzen. Warum ein Umdenken dringend erforderlich ist. Nachtschattenverlag 2017. ISBN 978-3-03788-536-9)

Spiritualität ist weder Glaube noch Gnade und muss von Religion unterschieden werden. Jeder Mensch ist fähig, auch ohne futuristische Technologie Spiritualität in sich zu erwecken und die transhumanistische Vision zu verwirklichen. Dass Psychedelika und Entaktogene auf dem spirituellen Pfad als Türöffner, Wegweiser und Ratgeber wirken können, ist ausreichend bekannt. Voraussetzung bleibt, dass eine Begegnung mit ihnen umsichtig, mit guter Absicht und Respekt geschieht.

Doch Psychoaktiva sind nur Hilfsmittel: Das Gefühl der Verbundenheit mit der Natur hat seinen Ursprung in uns selbst. Wir sind das, was wir sind, weil uns das evolutionäre Zusammenspiel der Kräfte über Jahrmillionen auf den Rhythmus der Natur, auf all ihre Lebewesen und den alles durchdringenden Kosmos eingestimmt hat. Um unsere Existenz zu transzendieren, müssen wir uns lediglich dessen bewusst werden. Es geht nicht darum, ein Übermensch zu sein, sondern darum, zu erkennen, wie kostbar es doch ist, ein Mensch zu sein.

Fußnoten

[1] More (1990): Transhumanism – Towards a Futurist Philosophy

[2] More (2013): The Proactionary Principle – Optimizing Technological Outcomes. In: More (2013): The Transhumanist Reader: Classical and Contemporary Essays on the Science, Technology, and Philosophy of the Human Future. S. 258–267.

[3] Huxley (1957): Transhumanism. In: New Bottles for New Wine. S. 17 (Übers. d. Verf.).

[4] Warwick (2003): The Application of Implant Technology for Cybernetic Systems.

[5] More (1990): Transhumanism – Towards a Futurist Philosophy.

[6] Dublin (1989): Future Hype – The Tyranny of Prophecy.

[7] Cyranoski (2018): Genome-edited baby claim provokes international outcry.

[8] Fischer (2018): GMO-Babys in China: Naiv, voreilig und vermutlich erfolglos.

[9] Garrett (1996): Medicine of the Cherokee. S. 16.

[10] Huxley (1957): Transhumanism. In: New Bottles for New Wine. S. 15.

[11] Siehe nicht so sehr Friedrich Nietzsche als vielmehr Gautama Buddha, Johann Gottfried Herder, Lew Nikolajewitsch Tolstoi, Jaggi Vasudev und andere.

Literaturverzeichnis

  • Cyranoski, David; Ledford, Heidi (2018): Genome-edited baby claim provokes international outcry. Nature. Vol. 563: S. 607–608.

  • Dublin, Max (1989): Future Hype – The Tyranny of Prophecy. New York: Viking Penguin.

  • Fischer, Lars (2018): GMO-Babys in China: Naiv, voreilig und vermutlich erfolglos. spektrum.de (28.11.2018). spektrum.de/news/naiv-voreilig-und-vermutlich-erfolglos/1610548 – Abgerufen am 10.12.2018.

  • Fukuyama, Francis (2018): Transhumanism – the world's most dangerous idea. www.au.dk/fukuyama/boger/essay/ – Abgerufen am 04.10.2018.

  • Garrett, J. T.; Garrett, Michael (1996): Medicine of the Cherokee. Rochester, Vermont: Bear & Company.

  • Huxley, Julian (1957): Transhumanism. In: New Bottles for New Wine. London: Chatto and Windus LTD.

  • Lem, Stanislaw (1981): Summa technologiae. Suhrkamp Verlag.

  • More, Max (1990): Transhumanism – Towards a Futurist Philosophy. Extropy 6. S. 6–12. Überarbeitet Juni 1994 und 1996.

  • More, Max; Vita-More, Natasha (2013): The Transhumanist Reader: Classical and Contemporary Essays on the Science, Technology, and Philosophy of the Human Future. Chichester: Wiley-Blackwell.

  • Ramge, Thomas (2018): Mensch und Maschine – Wie Künstliche Intelligenz und Roboter unser Leben verändern. Ditzingen: Reclam.

  • Vasudev, Jaggi (2011): An Introduction to Isha Kriya. www.youtube.com/watch?v=K4hCvdDn7Zc – Abgerufen am 06.10.2018.

  • Wang, Chen; Zhai, Xiaomei; Zhang, Xinqing et al. (2018): Gene-edited babies: Chinese Academy of Medical Sciences’ response and action. thelancet.com (30.11.2018): www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(18)33080-0/fulltext

  • Warwick, Kevin; Gasson, Mark; Hutt, Benjamin et al. (2003): The Application of Implant Technology for Cybernetic Systems. Archives of Neurology. Vol. 60, Issue 10: S. 1369–1373.

  • Wu, Zhiguang; Troll, Jonas; Jeong, Hyeon-Ho (2018): A swarm of slippery micropropellers penetrates the vitreous body of the eye. Science Advances. Vol. 4, No. 11

Direktlink: https://www.lucys-magazin.com/knowing/p/transhumanismus