«Jede fünfte Substanz ist verunreinigt»

Interview mit Hans Oeri von Kykeon Analytics

Wissen | 09.06.2026 00:00

Interview mit Gründer und CEO Hans Oeri über seine Firma Kykeon Analytics.

Interview: Roger Liggenstorfer

Kykeon Analytics ist ein gemeinnütziges Unternehmen, das analytische Lösungen zur Schadensminderung im Bereich der psychoaktiven Substanzen bereitstellt. Das Projekt arbeitet mit Konsumenten und Organisationen zusammen, um sichere und wissenschaftlich fundierte Informationen zugänglich zu machen. Zur Unterstützung von Forschung und Prävention werden Spektralbibliotheken erstellt, die kostenfrei zur Verfügung stehen und Leben retten sowie den wissenschaftlichen Fortschritt fördern sollen. Zudem bietet Kykeon Analytics analytische Testdienstleistungen zu fairen Konditionen an. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der anonymen Marktüberwachung, um Verfälschungen, Fehldeklarationen und neuartige Substanzen frühzeitig zu erkennen. Bei der Entdeckung gefährlicher Stoffe werden entsprechende Warnungen und Hinweise veröffentlicht, um den Gesundheitsschutz der Öffentlichkeit zu unterstützen. Wir haben mit Gründer und CEO Hans Oeri gesprochen.

Was war die ursprüngliche Motivation, Kykeon Analytics zu gründen – und welche Lücke füllt ihr im Bereich Schadensminderung?

Die ursprüngliche Idee hinter Kykeon war es, einen Service zu schaffen, der etwas Klarheit in den Bereich der neuen und semi-legalen psychoaktiven Substanzen (oft als Research Chemicals bezeichnet) bringt. Damals war mir bewusst geworden, dass es eine große Anzahl an Online-Shops gab, die Substanzen «zu Forschungszwecken» verkauften – obwohl klar war, dass es sich durchweg um psychoaktive Substanzen handelte und die Kunden diese auch konsumierten. Zu dieser Zeit bestellte ich viele dieser Substanzen und brachte sie zu einem lokalen Drug-Checking-Service in Vancouver, wo mir jedoch gesagt wurde, dass deren Infrarotspektroskop (FTIR) die Substanz nicht identifizieren könne, da die erforderliche Spektrenbibliothek nicht verfügbar sei. Also beschloss ich, selbst etwas zu tun, und begann damit, eine eigene Spektrenbibliothek aufzubauen. Außerdem führte ich unabhängige Testkäufe und Analysen bei allen mir bekannten Onlinehändlern durch. Um dies auf legale Weise umzusetzen, gründete ich die Organisation Kykeon und begann, Substanzen systematisch zu testen. Ich erkannte auch, dass ich präzisere Werkzeuge als nur FTIR benötigte, und so bauten wir gemeinsam mit einigen Gleichgesinnten ein High-Tech-Labor in Spanien auf, um Substanzen mittels Kernspinresonanzspektroskopie (NMR) und Massenspektrometrie analysieren zu können.

Auch wenn unsere Arbeit inzwischen erheblich ausgeweitet wurde, liegt ein besonderer Fokus nach wie vor auf neuartigen Substanzen. Wir veröffentlichen regelmäßig die Ergebnisse unseres Vendor-Monitorings auf unserer Website, sodass Nutzer sehen können, welche Händler es gibt, welche reine Substanzen verkaufen und welche Betrug betreiben.

Viele Menschen wissen nicht, was tatsächlich in den Substanzen steckt, die sie konsumieren. Kannst du ein Beispiel nennen, wo eure Analysen möglicherweise Leben gerettet haben?

Leider sind Verfälschungen sehr häufig. Über 20 % aller Muster, die wir testen, enthalten Verunreinigungen oder Streckmittel. Stell dir das einmal vor: Das bedeutet, dass du jedes fünfte Mal, wenn du eine ungetestete Substanz konsumierst, wahrscheinlich etwas mit einer Verunreinigung oder Verfälschung einnimmst! Eines der deutlichsten Beispiele ist unsere Gesundheitswarnung vom Juni 2024, als wir Etomethazen, ein starkes Nitazen-Analog-Opioid, in einem Produkt nachwiesen, das als Gidazepam (ein Benzodiazepin) verkauft worden war. Dieser Fall war besonders alarmierend, da sich die erwarteten Wirkungen von Gidazepam und Etomethazen grundlegend unterscheiden. Jemand, der glaubte, ein Anxiolytikum einzunehmen, hätte nicht mit der starken Atemdepression gerechnet, die durch ein potentes Opioid ausgelöst wird. Das Risiko einer Überdosierung war extrem hoch – insbesondere in Kombination mit anderen dämpfenden Substanzen wie Alkohol oder echten Benzodiazepinen.

Ihr bietet anonyme Tests für Nutzer an. Wie läuft so ein Prozess ab – vom Einsenden der Probe bis zum Ergebnis?

Der Ablauf ist sehr einfach und vollständig anonym. Du gehst in den Shop auf unserer Website und wählst eine Analyseoption aus. Dabei kannst du je nach Budget und je nachdem, ob du nur qualitative oder vollständig quantitative Ergebnisse möchtest, aus vielen Optionen wählen.

Beim Checkout musst du lediglich eine gültige E-Mail-Adresse angegeben (damit wir dir die Ergebnisse zusenden können). Außerdem besteht die Möglichkeit, mit Kryptowährungen zu bezahlen, wenn du völlig anonym bleiben möchtest. Natürlich können aber auch traditionelle Zahlungsmethoden gewählt werden. Anschließend verpackst du eine kleine Menge deiner Probe (~50 mg) in einem Ziplock-Beutel, legst diesen Beutel in einen Umschlag und sendest ihn an unser Labor in Spanien. Über unser Onlineportal kannst du den Fortschritt deiner Analyse verfolgen und nach etwa einer Woche erhältst du deine Ergebnisse. Die Ergebnisse werden in Form eines detaillierten Analyseberichts ausgegeben, der einen klaren Überblick über die Befunde sowie alle analytischen Daten enthält. Standardmäßig sind alle Ergebnisse privat und werden nur mit dem Nutzer geteilt, der die Analyse in Auftrag gegeben hat. Wir bieten jedoch auch einen kostenlosen »Resultsharing»-Service an, bei dem Nutzer ihre Ergebnisse anonym mit der Öffentlichkeit teilen können – falls sie dies wünschen.

Warum ist es euch wichtig, eure Spektrenbibliothek kostenlos zur Verfügung zu stellen, obwohl diese Daten eigentlich sehr wertvoll sind?

Von Anfang an war Kykeons Mission, Schadensminderung (Harm Reduction) zu fördern und zu unterstützen. Spektrenbibliotheken sind ein erheblicher Kostenfaktor, der es vielen Drug-Checking-Gruppen erschwert, ihre Arbeit fortzuführen. Deshalb wollten wir etwas kostenlos zur Verfügung stellen, um Drug-Checking-Gruppen weltweit dabei zu helfen, Leben zu retten und sichereren Drogenkonsum zu fördern. Unsere offene Spektrenbibliothek ist genau dafür gedacht, diese Einschränkungen zu überwinden. Indem wir die Daten kostenlos zugänglich machen, können Organisationen neue Substanzen schneller identifizieren – ohne finanzielle Hürden und auf eine Weise, die sich an die Realität des Marktes anpasst. Genauso wichtig ist, dass unsere Bibliothek partizipativ ist: Wir laden Dienste und Labore aktiv dazu ein, neue Spektren vorzuschlagen, damit die Datenbank direkt als Reaktion auf das wächst, was den Menschen im Feld tatsächlich begegnet.

Ihr beobachtet anonym den Markt. Wie oft stoßt ihr dabei auf Falschdeklarationen oder gefährliche Verunreinigungen?

Während des Vendor-Monitorings entdecken wir in etwa 14 % aller Fälle verfälschte oder falsch deklarierte Produkte. Das liegt zwar etwas unter der Verfälschungsrate von Straßen­drogen, ist aber dennoch erheblich. Oft stellen wir fest, dass die Händler selbst gar nicht wissen, dass sie etwas Verfälschtes verkaufen. Deshalb gilt: Überprüfe immer die Ergebnistabelle auf unserer Website und lasse deine Substanz testen, bevor du sie konsumierst.

Welche Rolle spielt Technologie wie NMR (Kernspintomographie) und LC-MS (Liquid-Chromatographie-Massenspektometrie) dabei, Menschen vor Risiken zu schützen? Kannst du das kurz verständlich erklären?

LC-MS ist eine hochsensitive Analysemethode, die es uns ermöglicht, Verunreinigungen selbst in Spurenmengen nachzuweisen. So können wir zum Beispiel Fentanyl und Nitazene in Proben identifizieren. Sie ist außerdem sehr nützlich für die Analyse von Ethnobotanika wie Pilzen und Ayahuasca. NMR hingegen ist eine Technik, die uns hilft, die Struktur von Molekülen zu bestimmen und die Reinheit von Proben zu messen. Zusammen eingesetzt, zeigen NMR und LC-MS dem Nutzer, wie rein seine Substanz ist und ob sie etwas Unerwartetes enthält.

Wie seht ihr die Zukunft: Wird die Nachfrage nach Substanztests und unabhängiger Marktüberwachung eher wachsen oder abnehmen?

Ganz sicher, ja – Drug Checking wächst jeden Tag, da immer mehr Orte dessen Bedeutung erkennen. Doch es braucht eine klarere rechtliche Absicherung für Drug-Checking-Dienste und mehr öffentliche Finanzierung, damit alle Menschen, die es benötigen, auch Zugang dazu haben. In diesem Sinne glauben wir, dass Drug Checking sich von etwas Außergewöhnlichem zu etwas Selbstverständlichem entwickeln wird – so normal wie Qualitätskontrollen bei Lebensmitteln und Medikamenten. Solange Drogen unreguliert bleiben, wird Drug Checking eine entscheidende Rolle spielen. Drogenkonsum hat es immer gegeben und wird es auch weiterhin geben – was bedeutet, dass es immer eine Zielgruppe für diese Dienste gibt. Gleichzeitig wird der Drogenmarkt selbst immer komplexer, was Tests unverzichtbar macht. Menschen, die Drogen konsumieren, sind sich auch zunehmend der Risiken bewusst, sodass mit einer wachsenden Nachfrage nach Analysen zu rechnen ist. Es gibt schlicht mehr Sensibilität und Nachfrage nach verlässlichen Informationen als je zuvor.

Wenn du eine Botschaft direkt an Menschen richten könntest, die neue Substanzen ausprobieren wollen – was wäre dein wichtigster Rat?

Neugier ist menschlich, doch Vorsicht ist Weisheit. Selten sind Drogen selbst die Hauptursache für Todesfälle – es ist die Unwissenheit, die tötet. Und wenn wir über neue psychoaktive Substanzen sprechen, ist das Problem noch größer, da nur sehr wenig wissenschaftliche Forschung über ihre Wirkungen, Risiken und sichere Dosierungen existiert. Deshalb ist der erste Schritt, so viele Informationen wie möglich zu suchen. Auch wenn akademische Studien rar sind, gibt es dennoch wertvolle gemeinschaftsgetragene Ressourcen wie PsychonautWiki, Erowid, den Nachtschatten Verlag und andere Harm-Reduction-Plattformen, auf denen Wissen geteilt wird. Doch ebenso wichtig ist die Information über die Zusammensetzung: Vertraue niemals einer Substanz nur aufgrund ihres Namens, ihres Aussehens oder der Aussage des Händlers. Teste sie immer vor dem Konsum und gehe vorsichtig damit um – insbesondere bei unbekannten oder neuartigen Substanzen. Dieser zusätzliche Schritt der Vorsicht kann tatsächlich Leben retten.

Welche Substanzen werden am meisten zur Analyse eingeschickt und wie ist die Entwicklung der letzten Jahre, seit ihr damit begonnen habt? 

Die am häufigsten bei uns getesteten Substanzen sind klassische Drogen wie Kokain, MDMA, LSD, Amphetamin und Ketamin. Doch wir sehen auch viele weniger bekannte Substanzen. Die wichtigste Entwicklung der letzten Jahre war jedoch ein starker Anstieg an eingesandten Hormonen. Wir glauben, dass dies sowohl auf ein größeres Bewusstsein für trans- und gender-nonkonforme Personen als auch auf den eingeschränkten Zugang zu geschlechtsangleichender Versorgung in Ländern wie den USA zurückzuführen ist – was, wie so oft, Menschen in Schwarzmärkte drängt. Der einzige Weg, um sicherzustellen, dass die Medikamente sicher sind, besteht daher darin, sie von einem Labordienst testen zu lassen.

Hat sich der Reinheitsgrad der Substanzen in den letzten Jahren verändert? Wie ist hier die Entwicklung? 

Die von uns analysierten Proben bestätigen die in offiziellen Berichten hervorgehobenen Trends. So weisen die Kokainproben, die wir erhalten, in der Regel eine sehr hohe Reinheit auf, oft um die 90 % – was mit dem europäischen Trend zu immer stärkerem Kokain im Vergleich zu früheren Jahrzehnten übereinstimmt. Auch wenn hochreine Proben überwogen, zeigt das Vorhandensein von Streckmitteln wie Phenacetin und Lidocain, dass Verfälschungen in Kokainproben weiterhin bestehen. Bei MDMA sehen wir einen klaren Unterschied zwischen den Formen: Tabletten sind in den letzten Jahren stärker geworden und enthalten häufig Dosen um oder über 170 mg, während MDMA-Kristall stabil blieb, typischerweise bei einer Reinheit zwischen 80 und 90 %. Erwähnenswert ist, dass wir auch Tabletten mit mehr als 250 mg MDMA nachgewiesen haben – was ein deutliches Risiko darstellt, wenn sie in einer einzigen Dosis eingenommen werden. In unserer Arbeit stoßen wir weiterhin auf synthetische Cathinone und neue Benzodiazepine, und zunehmend auch auf Nitazene – extrem potente synthetische Opioide. Diese Substanzen treten manchmal dort auf, wo Konsumierende eigentlich Benzodiazepine oder andere Depressiva erwarten, was ein sehr hohes Überdosis-Risiko schafft. Der allgemeine Trend ist in jedem Fall, dass Drogen zugänglicher, günstiger und reiner werden. Diese Realität unterstreicht das offensichtliche Scheitern prohibitionistischer Drogenpolitiken, die genau das Gegenteil erreichen wollen.

Ihr testet ja Substanzen aus diversen Ländern. Gibt es eine Verbindung in Bezug auf den Reinheitsgrad in Relation des Verbotes, der herrschenden Repression?

Wie bereits erwähnt, liegt die Verfälschungsrate bei unserem Einsende-Drug-Checking bei etwa 20 % und beim Vendor-Monitoring von «legalen» Research Chemicals bei 14 %. Das zeigt, dass selbst ohne Regulierung legale Substanzen immer noch seltener verfälscht sind als streng illegale. Gleichzeitig unterstreicht es aber auch die Bedeutung klarer Regelungen und eines rechtlichen Rahmens, um Substanzen an Konsumierende zu verteilen, die sie einnehmen möchten.

Ihr testet neuerdings auch Cannabis: Wie oft kommt es vor, dass ihr synthetisch verunreinigtes Cannabis testet – und wie verhält es sich beim Cannabis in prohibitiven Ländern im Vergleich zu Ländern mit einem legalen Umgang?

Da unser Cannabis-Testservice erst vor Kurzem gestartet ist, haben wir noch nicht genügend Daten, um sichere Aussagen zu treffen. Uns sind jedoch mehrere Fälle in Europa bekannt, bei denen CBD-Cannabis mit HHC oder einem anderen synthetischen Cannabinoid besprüht wurde, um das THC-Verbot zu umgehen. Solche Fälle sind uns in Kanada nicht bekannt, wo Cannabis seit 2017 legal ist.

Was ist der Unterschied eures Drug-Checking-Angebots im Vergleich zu den bestehenden in diversen Ländern, wie in der Schweiz, Deutschland und Österreich?

Zunächst einmal sind wir vollständig unabhängig. Anders als viele Programme, die in Gesundheitseinrichtungen integriert sind oder von diesen finanziert werden, arbeitet Kykeon autonom. Dadurch können wir unsere Prioritäten selbst festlegen – mit einem klaren Fokus auf Harm Reduction und offene Wissenschaft. Unser Drug-Checking-Service ergänzt lokale Angebote. Er ist international von überall auf der Welt zugänglich und bietet eine breite Palette an Testoptionen. Insbesondere ist unser Labor in der Lage, Werkzeuge wie LC-MS und NMR einzusetzen, um hochpräzise quantitative Ergebnisse zu liefern – etwas, das die meisten anderen Drug-Checking-Dienste nicht anbieten können, da sie in der Regel keine Aussagen über die Reinheit einer Substanz machen. Darüber hinaus bieten wir auch spezialisierte Analysen für Pflanzen und Pilze sowie Enantiomer-Analysen an, um beispielsweise S- und R-Ketamin unterscheiden zu können. Schließlich bieten wir neben dem Einsende-Drug-Checking auch einen kostenlosen Vendor-Monitoring-Service über Onlinehändler an, der über unsere Website zugänglich ist. Dieser Service ermöglicht es den Usern, online sicherere Entscheidungen zu treffen – und er ist in der Form, in der wir ihn anbieten, ziemlich einzigartig.

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