Hoffnung trotz Trauma
Maurice Clermont
Posttraumatische Belastungsstörungen – kurz PTBS – sind psychische Erkrankungen, die durch traumatisierende Ereignisse ausgelöst werden können. Dazu zählen Misshandlungen, sexueller Missbrauch, Kriegserlebnisse, schwere Unfälle und andere stark belastende Erfahrungen.
Selbst in ungefährlichen Situationen fühlen sich Betroffene oft stark gestresst, verängstigt oder bedroht. Zu den typischen Symptomen gehören außerdem Affektintoleranz, Vermeidungshaltung und soziale Isolation; auch Konzentrations- und Schlafstörungen sowie Albträume oder sogar Suizid sind keine Seltenheit.
Aufgrund ihrer Unfähigkeit, heftige Gemütserregungen auszuhalten (Affektintoleranz) sowie der daraus folgenden Vermeidungshaltung gegenüber der traumatischen Erfahrung und durch ihre soziale Isolation fällt es oft äußerst schwer, die Betroffenen zu behandeln. Insbesondere Patienten, die von Vertrauenspersonen missbraucht oder misshandelt wurden, sind sehr misstrauisch gegenüber anderen Personen, was ein offenes Verhältnis zum Therapeuten deutlich erschwert.
PTBS sind ein ernsthaftes volksgesundheitliches Problem. Zwischen 6 und 10 Prozent der amerikanischen Gesellschaft erleiden mindestens eine PTBS innerhalb der Lebenszeit (Lebenszeitprävalenz). Bei amerikanischen Soldaten, die aus dem Irakkrieg zurückkehrten, stieg die Lebenszeitprävalenz auf 18 Prozent, und bei Kindern in Kriegsgebieten sogar auf 41 Prozent mit starken Symptomen beziehungsweise 72,8 Prozent mit leichten Symptomen. Bei mehr als einem Drittel der Patienten bessert sich die Situation selbst nach jahrelanger Therapie nicht.
Psychotherapeutisches Potential
MDMA allein ist kein Wundermittel. Nur durch den Konsum dieser Substanz wird kein psychisch kranker Mensch gesund. Allerdings kann MDMA zusammen mit einer Psychotherapie zu enormen Erfolgen bei der Behandlung von PTBS führen.
Mithilfe der MDMA-unterstützten Psychotherapie können tiefgreifende psychische Veränderungen in deutlich kürzerer Zeit als bei konventionellen Therapieformen erreicht werden. Selbst bei behandlungsresistenten Patienten kann bereits eine einzige MDMA-Sitzung enorme Verbesserungen bewirken.
Nach der ersten abgeschlossenen Phase-2-Studie von MAPS (Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies) zeigten 83 Prozent der Patienten nach nur zwei MDMA-Sitzungen keine PTBS-Symptomatik mehr. Dabei kam es weder zu ernsthaften Blutdruckerhöhungen noch zu unerwünschten neurokognitiven Effekten. In einer langfristigen Follow-up-Studie zeigten mindestens 74 Prozent eine anhaltende Reduzierung ihrer PTBS-Symptome.
Anders als die meisten Antidepressiva wird MDMA nicht jeden Tag eingenommen. In den Studien von MAPS wird es normalerweise nur zwei- bis dreimal verabreicht. Die jeweils achtstündigen MDMA-Sitzungen liegen mehrere Wochen auseinander, um neurotoxische Schäden auszuschließen. Dazwischen liegen reguläre Therapiesitzungen ohne Substanzeinnahme.
Die oral applizierte Initialdosis liegt entweder bei 100 oder 125 Milligramm. Optional wird nach 1,5 bis 2,5 Stunden eine Zweitdosis von 50 oder 62,5 Milligramm (50 Prozent der Initialdosis) verabreicht.
Die neurophysiologische Wirkung von MDMA wird hauptsächlich durch die Freisetzung und Wiederaufnahmehemmung von Serotonin, Dopamin und Noradrenalin sowie durch die Freisetzung von Oxytocin und Prolactin hervorgerufen. Obwohl MDMA noradrenerge und damit stimulierende Wirkkomponenten aufweist, ist die Hauptwirkung weniger von lokomotorischen, sondern eher von entaktogenen und empathogenen Effekten geprägt.
Aufgrund der entaktogenen Wirkung von MDMA wird die Konzentration auf die eigene Gefühlswelt (Introspektion) vereinfacht. PTBS-Betroffene leiden oft unter einer gnadenlosen Selbstverurteilung und einer unterbewussten Vermeidungshaltung gegenüber zahllosen Reizen, die mit dem traumatischen Ereignis zusammenhängen und eine hochgradig belastende Reaktivierung des Traumas triggern können.
Bei Patienten mit chronischen PTBS konnten dauerhafte Veränderungen zerebraler Strukturen festgestellt werden. Besonders betroffen sind Amygdala, Hippocampus und der präfrontale Cortex. Diese Hirnareale sind unter anderem an der emotionalen Bewertung von Situationen und Verarbeitung von Stressreaktionen beteiligt. MDMA führt zu einer Veränderung der Durchblutung von Amygdala und Hippocampus, was eine Erklärung für Stressreduktion und emotionale Toleranz sein kann.
Psychische Blockaden können sich mithilfe von MDMA auflösen; dadurch sind die Patienten in der Lage, sich den traumatischen Erinnerungen zu stellen und mit negativen Emotionen besser umzugehen. MDMA kann den Patienten außerdem wieder ein erhöhtes Bewusstsein für das Positive im Leben verschaffen, indem es Euphorie und Gefühle von Sicherheit bewirkt. Darüber hinaus wird es möglich, das Erlebte aus einem anderen, wertefreien Blickwinkel zu betrachten und es so besser zu verarbeiten.
Zudem intensiviert MDMA die Selbstwahrnehmung und verbessert sowohl das Selbstwertgefühl als auch die Selbstakzeptanz. Dadurch lernen die Patienten, ihre Stärken und Schwächen zu akzeptieren und infolgedessen konstruktive Lösungsansätze für ihre Probleme im Leben zu finden. Diesen Prozess nennt man auch »inner healer«, innerer Heiler.
Zusätzlich zur psychischen Entlastung sorgt MDMA für eine signifikante Reduzierung somatischer Symptome wie Muskelverspannungen oder Schmerzen. Durch die empathogene Wirkung von MDMA werden prosoziale Effekte wie Offenheit, Vertrauen zu anderen Personen und Bedürfnisse nach Nähe deutlich verstärkt. So baut sich zwischen Patient und Therapeut schneller eine Vertrauensbasis auf, was für eine effektive Psychotherapie von essentieller Bedeutung ist.
Um die Vorteile der entaktogenen und empathogenen Effekte von MDMA auszunutzen, wechseln sich während der MDMA-Sitzung Phasen der inneren Einkehr mit einer offenen Kommunikation mit dem Therapeuten ab.
Typischerweise kommt es bei PTBS zu unkontrollierbaren und stark belastenden Flashbacks (Wiedererleben des traumatischen Ereignisses), aber auch zu Erinnerungslücken an die Ursache des Traumas. MDMA verbessert den Zugriff auf das Langzeitgedächtnis, wodurch sonst unzugängliche traumatische Erinnerungen wieder aufkommen und verarbeitet werden können.
In Tierversuchen (an Mäusen) zeigte sich, dass eine einzelne MDMA-Dosis mit nachfolgendem Extinktionstraining (Training zum »Verlernen« von Ängsten) eine langanhaltende und deutliche Reduktion der Angstsymptome bewirkt. Dieser Nachweis hat eine große Bedeutung für die Durchführung von Studien am Menschen und legt nahe, dass MDMA auch bei Menschen die Extinktion der Angstsymptomatik nachhaltig und positiv beeinflussen kann, wie es bereits in der Praxis beobachtet wurde. MAPS wird in naher Zukunft entsprechende Untersuchungen am Menschen durchführen.
Genau wie Set und Dosis ist auch das therapeutische Setting für die MDMA-Erfahrung von äußerst hoher Bedeutung. Daher sollte das Behandlungszimmer bequem und ansprechend eingerichtet und frei von äußeren Störfaktoren wie Lärm sein. Den Teilnehmern soll das Gefühl von Sicherheit und Privatsphäre vermittelt werden.
Allerdings können während der MDMA-Erfahrung durch das veränderte Körpergefühl und die hochkommenden Emotionen sehr starke Angstzustände ausgelöst werden. Bei manchen Patienten kann dies zu einem erhöhten Bedarf an psychotherapeutischer Begleitung führen, weshalb eine lückenlose und engagierte Unterstützung unerlässlich für das Wohl der Teilnehmer ist.
Damit die Behandlung langfristig wirksam ist, müssen die Erfahrungen unter MDMA-Einfluss in das Alltagsbewusstsein integriert werden. Nach den MDMA-Sitzungen kann es in den ersten Tagen oder Wochen vermehrt zu Wut, Trauer, Angst und anderen Emotionen kommen; dies soll jedoch als Teil des Integrationsprozesses und nicht als Verschlimmerung der psychischen Störung verstanden werden. Dafür werden spezielle Nachbereitungssitzungen durchgeführt, bei der die Patienten therapeutische Unterstützung erfahren.
Risiken der Therapie
Wie bei fast jedem Medikament gibt es auch bei MDMA keine Wirkung ohne Nebenwirkung. MDMA erhöht den Puls, den Blutdruck und die Körpertemperatur, weshalb Voruntersuchungen bezüglich Herz-Kreislauferkrankungen und eine Überwachung der Körpertemperatur durchgeführt werden müssen.
Da Bedürfnisse wie Hunger und Durst unter MDMA-Einfluss kaum wahrgenommen werden, muss auf eine ausreichende Wasserzufuhr geachtet werden, da es andernfalls zu Dehydratation (Austrocknung) kommen kann.
Im Freizeitkonsum sind Todesfälle, die ausschließlich durch MDMA verursacht wurden, selten. Die häufigsten Todesursachen sind auf Überdosierungen, Mischkonsum mit anderen psychoaktiven Substanzen oder gefährliche Streckmittel zurückzuführen. Beim medizinisch eingesetzten MDMA handelt es sich um ein pharmazeutisch reines Produkt, das in moderaten Dosierungen sicher in therapeutischen Sitzungen angewendet werden kann.
In den vergangenen klinischen Studien von MAPS wurden mehr als 1100 Patienten behandelt, bei denen keine unerwarteten Nebenwirkungen oder neurotoxische Langzeitfolgen aufgetreten sind.
Angesichts der potentiellen Neurotoxizität und des Suchtpotentials von MDMA kommt es immer wieder zu Kritik an der MDMA-unterstützten Psychotherapie. Fakt ist, dass MDMA-Konsum bei Nichtbeachtung der Safer-Use-Regeln zu Schäden des serotonergen Systems führen kann. Doch wenn man die Dosis auf das Körpergewicht abstimmt und auf lange Konsumabstände, ausreichende Flüssigkeitszufuhr etc. achtet, ist MDMA in der Regel nicht neurotoxisch.
Obwohl MDMA ein gewisses Suchtpotential aufweist, kommt es selbst bei einem Freizeitkonsum eher selten zur Ausbildung einer Sucht. In der therapeutischen Anwendung ist das Risiko, eine MDMA-Sucht zu entwickeln, aufgrund der langen Pausen außerordentlich gering.
Ausblick
Bedauerlicherweise ist MDMA-unterstützte Psychotherapie immer noch illegal und nur mit einer Sondergenehmigung zu Forschungszwecken erlaubt, obwohl das Risiko-Nutzen-Verhältnis besser als bei vielen zugelassenen Medikamenten ist.
Im Laufe dieses Jahres wird MAPS mit der finalen Phase-3-Studie beginnen. Diese wird entscheiden, ob MDMA in den USA die Zulassung als verschreibungsfähiges Medikament für die Behandlung von PTBS erhält. MAPS rechnet mit der medizinischen Zulassung bis zum Jahr 2021.
Mit MDMA können allerdings nicht nur PTBS behandelt werden. Bei erwachsenen Autisten mit sozialen Angststörungen zeigte die MDMA-unterstützte Psychotherapie durch die gesteigerte Offenheit und Introspektion der Patienten eine langanhaltende Verbesserung der sozialen Anpassungsfähigkeit und damit der Angstsymptome.
In Tiermodellen (bei Ratten) wurde eine symptomatische Verbesserung von Morbus Parkinson durch die Gabe von MDMA nachgewiesen. Für diese Wirkung scheinen serotonerge, dopaminerge sowie opioiderge Wirkmechanismen verantwortlich zu sein. Dass MDMA bei Menschen mit fortgeschrittenem Parkinson helfen kann, bestreitet der US-amerikanische Medizinalchemiker David E. Nichols jedoch vehement.
Aktuell läuft eine Studie von MAPS zur MDMA-unterstützten Psychotherapie bei Patienten mit Angststörungen, welche durch lebensbedrohliche Krankheiten ausgelöst wurden. Zudem führt das Imperial College London unter Leitung von David Nutt die weltweit ersten Forschungen zur Behandlung von Alkoholabhängigkeit mit MDMA durch. Die Ergebnisse dieser Studie könnten Aufschluss darüber geben, inwiefern MDMA bei suchterkrankten Patienten mit psychischen Störungen eingesetzt werden könnte. Süchtige Patienten wurden bisher aus den MDMA-Studien ausgeschlossen.
Ferner gibt es Hinweise darauf, dass MDMA auch bei bipolaren Störungen, zerebralen Bewegungsstörungen, chronischen Schmerzen, Depressionen, Eierstockzysten, Essstörungen, rheumatoider Arthritis, Schizophrenie, Trichotillomanie, dem Tourette-Syndrom sowie bei Familien- und Paartherapien und bei der neuromuskulären Therapie eingesetzt werden kann. Klinische Studien dazu stehen noch aus.
Maurice Clermont (*1995) arbeitet als Ingenieur und macht seit zwei Jahren in Online-Gruppen sowie auf Festivals und Partys ehrenamtlich Drogenaufklärung. Im Sommer 2016 wurde er Lucy's-Botschafter und gründete im November 2016 die Facebook-Gruppe »DrAuf – Drogenaufklärung«. Er interessiert sich besonders für die neurophysiologischen Wirkweisen sowie für den therapeutischen Nutzen diverser Psychoaktiva und setzt sich für deren Legalisierung ein.
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