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Love is Stronger – Von Loveparade zu Rave The Planet

Eine kritische Analyse von Hans Cousto

Die Filmpremiere von „Love ist stronger– Von Loveparade zu Rave The Planet“ fand am 30. Juli im Tresor Berlin statt. Die Veranstaltung war gut besucht, es waren mehr Leute eingeladen, als Sitzplätze zur Verfügung standen, sodass eine ganze Reihe Gäste die Vorführung stehend betrachten musste.

Fuckparade 2006
Love is Stronger – Von Loveparade zu Rave The Planet - Eine kritische Analyse von Hans Cousto
Love is Stronger – Von Loveparade zu Rave The Planet als Hörbeitrag

Ab Freitag, 31. Juli, ist er in der ARD-Mediathek zu sehen. Die Beobachtung von Filmemacherin Britta Mischer begleitet die Macher (Hauptprotagonisten) der Technoparaden Dr. Motte (Matthias Roeingh) und Ellen Dosch-Roeingh über mehrere Jahre, vergisst jedoch, wesentliche Punkte in der Entwicklung von der Loveparade zu Rave the Planet zu erwähnen. Dies betrifft vor allem die Rolle der Fuckparade in diesem Kontext, denn ohne das Engagement der Fuckparade für die Freiheit der Demonstrationsmittel wäre die Parade Rave the Planet heute nicht in dieser Form durchführbar.

Loveparade als Demonstration

Als farbenfrohe Demonstration für Freude und Frieden ist die Berliner Loveparade 1989 der damals sich neu entwickelnden Techno-Szene des Berliner Undergrounds entsprungen. Der Musiker und Discjockey Dr. Motte meldete seinerzeit als Veranstalter diese Demonstration bei der zuständigen Polizeibehörde an, seiner Einladung zum Friedenstanz folgten etwa 150 Freunde aus der Szene. Mit ihrer Art zu demonstrieren setzte Dr. Motte zusammen mit der Multimediakünstlerin Danielle de Picciotto unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ völlig neue Akzente in die Versammlungskultur. Jahr für Jahr kamen mehr Leute zur Loveparade zum Feiern. Da sich im Jahr 1995 fast eine halbe Million Raver zur Loveparade auf dem Kurfürstendamm versammelte und es dort extrem eng wurde, entschied man sich, die Loveparade im kommenden Jahr im Tiergarten auf der Straße des 17. Juni zu veranstalten. Am 13. Juli 1996 zog die Loveparade mit 750.000 Ravern erstmalig durch den Tiergarten. Die Stadtväter hatten nach der überwiegend sehr positiven Berichterstattung von der Loveparade in den Medien rund um den Globus im Jahr 1996 langsam kapiert, dass, abgesehen vom Ruf der Stadt Berlin als Austragungsort dieses weltweit beachteten Ereignisses, durch die Loveparade erhebliche wirtschaftliche Vorteile für die Stadt zu erwarten seien. Um die Jahrtausendwende waren weit mehr als eine Million Raver zur Loveparade gekommen.

Fuckparade – die Gegendemonstration

Um gegen den kommerziellen Missbrauch des Versammlungsrechtes wie auch gegen den damit einhergehenden Trend zur Kommerzialisierung der Berliner Technoszene ein Signal zu setzen, haben sich 1996 vor allem politisch redlich denkende Raver vom Umfeld der Loveparade und ihren Machern distanziert und ab 1997 jeweils am Tag der Love Parade zu einer Demonstration gegen diesen Missbrauch und vor allem auch gegen diese Kommerzialisierung aufgerufen und sich zur Veranstaltung der Hateparade (1997) respektive Fuckparade (ab 1998) versammelt. Hauptgründe waren laut Veranstalter die Verdrängung nicht erwünschter Technostile (Hardcore, Speedcore, Gabba) und die Kommerzialisierung der Loveparade (hohe Teilnahmegebühren für Wagen, szenefremdes Sponsoring, keine politischen Aussagen trotz Demonstrationsstatus). Daneben wurde die Schließung des Techno-Clubs Bunker in der Albrechtstraße in Berlin-Mitte sowie der damit zusammenhängende Ausverkauf des Scheunenviertels thematisiert.

Der Berliner Paradenstreit

Die ursprünglich für den 14. Juli 2001 vorgesehene, dann aber erst am 21. Juli 2001 durchgeführte Loveparade, die wegen einer bereits zuvor für den gleichen Zeitraum am selben Ort angemeldeten Demonstration zum Thema „Der Tiergarten gehört allen Berlinern“ untersagt worden war, wurde gemäß Bescheid des Polizeipräsidenten in Berlin vom 22. Mai 2001 nicht mehr als Demonstration anerkannt. Zur Begründung hieß es, die Loveparade sei eine reine Musikveranstaltung und weise nicht den für eine Versammlung maßgeblichen verbindenden Zweck der Meinungsbildung und Meinungsäußerung auf. Auch das in dieser Sache angerufene Verwaltungsgericht entschied am 28. Juni 2001 in gleicher Weise und stellte zudem fest, dass die Versammlungseigenschaft auch deshalb zu verneinen sei, weil es sich bei der Loveparade um eine kommerzielle Veranstaltung handele. Es sei nicht gerechtfertigt, rein wirtschaftlich motivierte Zusammenkünfte von Menschen verfassungsrechtlich zu privilegieren. Diese Entscheidung wurde am 6. Juli 2001 vom Oberverwaltungsgericht und am 12. Juli 2001 vom Bundesverfassungsgericht bestätigt. So war die Loveparade im Jahr 2001 keine Demo, sondern eine reine Straßenveranstaltung (auf der Basis einer straßenrechtlichen Sondernutzungsgenehmigung) und die Macher mussten die Müllbeseitigung sowie andere Nebenkosten bezahlen und nicht mehr der Steuerzahler. Die Loveparade war somit keine politische Demonstration mehr, sondern eine Art Volksfest auf öffentlichem Grund, was der weiteren (tödlichen) Kommerzialisierung Vorschub leistete. Die Fuckparade prozessierte jahrelang für die Freiheit der Demonstrationsmittel und gewann endgültig durch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 16. Mai 2007 wieder den Status einer politischen Demonstration.

In der Doku von Britta Mischer fehlt jeglicher Hinweis auf die Prozesse, die von der Fuckparade geführt wurden, was ein gravierendes Manko in der Darstellung des Weges von der Loveparade zu Rave the Planet darstellt. Ohne das Engagement von Martin Kliehm (Trauma XP) und seiner Rechtsanwältin Inka Bock sähe das Demonstrationsrecht heute wohl anders aus und die Parade Rave the Planet könnte in der heute möglichen Art und Weise nicht stattfinden. Dass dies in der Doku „Love ist stronger– Von Loveparade zu Rave The Planet“ nicht erwähnt wird, ist ein nicht nachvollziehbarer Mangel. Deshalb kann man diese Doku von Britta Mischer nur mit dem Attribut mangelhaft klassifizieren.

Nicht erwähnt wurde auch die Tatsache, dass Dr. Motte als Gründer der Loveparade beispielsweise am 29. Juli 2006 um 14 Uhr am Bunker in der Reinhardtstraße auf der Auftaktkundgebung der Fuckparade, also auf der Gegendemo der Loveparade, eine Rede hielt und dabei fetten Applaus erhielt und keine Buhrufe zu hören waren. Die Rede von Dr. Motte wurde in der Pressemitteilung vom 26. Juli 2006 zur Fuckparade 2006 angekündigt:

„Auch im zehnten Jahr kämpfen wir für Subkultur und eine Stadtentwicklung, die den Menschen und einen lebenswerten Kiez zum Mittelpunkt hat, nicht Investoren, „Risikoabschirmung“ und leerstehende Büroflächen. Mit 15 Redebeiträgen auf zwei Kundgebungen am Bunker und am Ende in der Nähe des Schloßplatzes haben wir einen neuen Rekord erreicht! Die Fuckparade ist ja ein offenes, sehr heterogenes politisches Netzwerk: In ihr finden sich Menschen aus der Clubszene und auch aus alternativen Wohnprojekten, und es ist nicht immer leicht, die Perspektive der anderen zu verstehen. Die einen werden politisiert, weil ihre Free Parties hochgenommen werden, die anderen sind politische Menschen, die auch mal gerne eine Party feiern. „Eigentlich wollen wir ja alle das Gleiche“, sagt Dr. Motte und bringt damit auf den Punkt, was uns vereint. Diesen Menschen bietet die Fuckparade als Demonstration eine Öffentlichkeit, um sich Gehör zu verschaffen.“

UNESCO-Kulturerbe Berlin

In der Doku von Britta Mischer wird mehrfach die Aufnahme der „Technokultur in Berlin“ in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO erwähnt, jedoch nicht der Name des Ideengebers. Dies liegt sicher nicht an den Organisatoren der Parade Rave the Planet, denn auf deren Website wird ihm ausführlich dafür gedankt. So heißt es in der Pressemitteilung vom 14. März 2024:

„Wir gratulieren allen Kulturschaffenden, die die Berliner Technokultur seit fast 40 Jahren geprägt und zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Ein herzlicher Dank geht an alle Beteiligten, die uns auf diesem langen Weg begleitet und unterstützt haben, von der Idee von Hans Cousto im Jahr 2011 bis zu diesem Moment. […] Der lange Weg zur Anerkennung begann bereits im Jahr 2011 im Kunsthaus Tacheles in Berlin mit der Gründung eines gemeinnützigen Vereins durch Dr. Motte, Ellen Dosch-Roeingh und weiteren Berliner Kulturschaffenden. Der Schweizer Mathematiker und Musikwissenschaftler Hans Cousto, der ebenfalls Gründungsmitglied war, schlug damals die Erweiterung der Vereinssatzung um die Anerkennung von „Techno“ als immaterielles Kulturerbe vor, was einstimmig angenommen wurde.“

Genau genommen ist die Idee zwei Jahre älter. Zum Moment der Inspiration heißt es in meinem Buch „Psychonatik, Hedonismus und Ekstase“ (Solothurn 2009, S. 119):

„Am späten Abend, als am Freitag, dem 3. Juli 2009, die Musiker Andreas Specht, Barnim Schultze (Akasha Project), Bert Olke (B. Ashra), Alexander Rues (Eru) und Jens Zygar im Zirkuszelt der ‚Bar 25‘ in der Holzmarktstraße 25 in Berlin ihre Instrumente auf den Jahreston der Erde (Cis mit 136,10 Hz) für die ‚Kosmische Klangnacht‘ einstimmten, plauderte Hans Cousto mit Marc Wohlrabe, Herausgeber des kleinformatigen Ex-Techno-Gratismagazins ‚Flyer‘, über die UNESCO und das Weltkulfurerbe. Angeregt durch dieses Gespräch sinnierte Hans Cousto über das immaterielle Weltkulturerbe während des Genusses der ‚Kosmischen Klangnacht‘ über die Logik, nach der die ‚Riten der Psychonautik‘ als immaterielles Weltkulturerbe zu klassifizieren sind.“

Im Vergleich zum Weglassen der Prozessgeschichte betreffend Demonstrationskultur in der Doku von Britta Mischer ist das Weglassen des Initiators zu „Technokultur in Berlin“ als UNESO-Kulturerbe jedoch nur ein kleiner Fauxpas. Erwähnung in der Doku verdient hätte auch die von der Fuckparade am 1. August 2003 zusammen mit Loveparade-Gründer Dr. Motte organisierte Protestkundgebung vor der französischen Botschaft in Berlin. Nachdem die Polizei in der Nähe des französischen Dorfes Le Faouët in der Bretagne am 18. Juli 2003 ein Teknival gewaltsam auflöste und dabei 28 Tanzende zum Teil schwer verletzte, wurde diese gemeinsame Protestkundgebung organisiert.

 

Hans Cousto: Psychonautik, Hedonismus und Ekstase: 25 berauschende Jahre – Festschrift zum Jubiläum des Nachtschatten Verlages, Solothurn 2009, ISBN:‎ 978-3037881996



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