Kultur einer Drogennadel
Michael Kleim
Als Neil Young 1972 sein Album „Harvest“ mit dem Titel „The needle and the damage done“ veröffentlichte, bewegte sich die mediale Heroin-Hysterie auf einen Höhepunkt zu. Bis weit in die 1980er hinein bestimmte das Bild von dem an der Nadel hängenden Junkie den öffentlichen Eindruck von dem, was Opiatgebrauch im Speziellen und Drogenanwendung im Allgemeinen ausmachen würde. Interessanterweise war es ausgerechnet die AIDS-Pandemie, die allmählich zu einer Versachlichung von Wahrnehmung führte.
Ermöglicht wurde die Karriere der Kanüle als außergewöhnliches Drogenutensil erst im 19. Jahrhundert aufgrund moderner wissenschaftlich-medizinischer Erkenntnisse:
1804 Dem deutschen Apotheker Friedrich Wilhelm Adam Sertüner gelingt es, das Alkaloid Morphium aus Opium zu extrahieren. Benannt wird der Wirkstoff aus der Schlafmohnpflanze nach Morpheus, dem griechischen Gott der Träume.
1841 Durch den französischen Chirurg Charles-Gabriel Pravaz wird die Injektionsspritze entwickelt.
1844 Der irische Arzt Francis Rynd verbessert das Verfahren durch die Erfindung der Hohlnadel, also Kanüle.
1873 Der englische Chemiker Charles Romley Alder Wright erforscht die Reaktion von Morphium auf Essigsäure.
1896 Der deutsche Pharmazeut und Chemiker Felix Hoffmann realisiert die Herstellung von Diacetylmorphin.
1898 Der deutsche Pharmakonzern Bayer gibt die Markteinführung von Diacetylmorphin unter dem Namen „Heroin“ bekannt.
Anzumerken ist, dass im 20. Jahrhundert der Gebrauch der Opiat-Kanüle infolge von Kriegen zunehmende Verbreitung fand. So stieg nach dem 1. Weltkrieg der intravenöse Konsum von Morphium nicht allein in Deutschland signifikant an.
Mit der Operation Rolling Thunder am 2. März 1965 starteten die USA die offene Intervention gegen das kommunistisch regierte Nordvietnam. Die als Vietnamkrieg in die Geschichte eingehende blutige militärische Auseinandersetzung dauerte bis 1975 an. Vietnam liegt im Bereich traditioneller Opiumanbaugebiete. Die Soldaten der US-Army kamen so direkt mit Heroin in Kontakt. Die schrecklichen Kriegserfahrungen förderten den Gebrauch von Opiaten. Durch heimkehrende bzw. in Europa stationierte GIs wurde dann Heroin in größeren Stil verbreitet.
Im Dezember 1979 marschierte sowjetisches Militär in Afghanistan ein und etablierte dort eine Marionettenregierung. Ursprünglich sollten die Truppen nach kurzer Zeit wieder abziehen. Tatsächlich entwickelte sich der Konflikt zu einem zehnjährigen Krieg, in dessen Folge islamistische Kräfte in dem Land an Einfluss gewannen. Viele russische Kämpfer kehrten schwer traumatisiert in ihre Heimat zurück. Eine weitere Konsequenz des Krieges war, dass die Verbreitung illegalisierter Drogen in Russland massiv zunahm. Insbesondere der deutliche Anstieg des Heroingebrauchs konnte infolge der Afghanistaninvasion festgestellt werden. Afghanistan avancierte zum Hauptproduzenten von Opium und Heroin. Russland wurde einer der größten Abnehmer des betäubenden Stoffes. Einerseits lernten viele Sowjetsoldaten in Afghanistan Heroin kennen und kamen als Junkies nach Hause. Andererseits entwickelten sich gut funktionierende Strukturen eines illegalen Marktes. Die damals entstandenen Transit- und Handelswege sind zum Teil bis heute aktiv. Korruption unter den russischen Beamten, Polizisten und Militärs förderte die kriminellen Machenschaften. Als unter Gorbatschow 1989 die letzten russischen Truppen Afghanistan verließen, blieb die Heroin-Connection weiter bestehen.
Kriminalautor
Friedrich Glauser, nach dem heute ein renommierter Kriminalautorenpreis und eine kleine Gasse in Zürich benannt sind, hat zu seinen Lebzeiten weniger Anerkennung erfahren. Vielmehr lernte er Fremdenlegion, Gerichtssäle, Strafanstalten, Kliniken und psychiatrische Einrichtungen kennen. Bereits als Schüler macht er Erfahrungen mit Chloroform und Äther. Mit Haschisch kam Glauser in Nordafrika in Kontakt. Zeit seines Lebens ist er dem Morphium verfallen, zeitweilig hat er Zugang zu Kokain. Sein Vater lässt ihn kurz nach der Volljährigkeit entmündigen.
Neben dem Rausch ist es das Schreiben, in dem sich Glauser ganz verlieren konnte und wollte. Mit Erzählungen und tiefgründigen Krimanalromanen erwirbt er sich literarische Beachtung.
In seiner Erzählung „Morphium - eine Beichte“ berichtet Glausner von seiner existentiellen Achterbahnfahrt als Opiatgebraucher. Er verdrängt dabei keine Schattierung seines unsteten Daseins. Zur Sprache bringt Glausner den Glücksflash durch das Morphium, körperliche und psychische Reaktionen auf das Opiat, die Qualen des Entzuges und auch seine Aufenthalte in Haftanstalten und psychiatrischen Kliniken. Bemerkenswerterweise würdigt er die Psychoanalyse als Möglichkeit, sich selbstkritisch der eigenen Abhängigkeitserkrankung zu stellen. Deutlich verteidigt er diese Methode gegen unsachliche und antisemitisch motivierte Abwertungen.
1938 stirbt Friedrich Glauser 42-jährig unter nicht ganz geklärten Umständen.
William S. Burroughs (1914-1997, USA)
Beatnik und Literat
Junkie: Geständnisse eines unerlösten Drogenabhängigen
Nach dem 2. Weltkrieg trat in den USA eine literarische Subkultur in Erscheinung, die wesentlich die weitere kulturelle Entwicklung beeinflusst hat: die Beat-Generation. Protagonisten waren unter anderem Allen Ginsberg, Jack Kerouac, Gregory Corso, Ken Kesey und William S. Burroughs. Sprache wurde mit den Rhythmen des Jazz in Beziehung gesetzt. Mit den literarischen Themen wurden bewusst gesellschaftliche Tabus gebrochen. Sexualität rückte in den Mittelpunkt, ebenso eine freie spirituelle Suche und die Reflektion von Drogenerfahrungen. Der Lebensstil von Außenseitern jenseits der Massengesellschaft fand bei den Beatniks sein Sprachrohr.
William S. Burroughs, 1914 in St. Louis geboren, verarbeitete in seinem Werk prägende Momente seiner Biografie. Opiatabhängigkeit und Experimente mit psychedelischen Substanzen spiegeln sich in seinen Texten.
Der Roman „Junkie“, den Burroughs 1953 ursprünglich unter dem Pseudonym William Lee veröffentlichte, gibt authentische Einblicke in ein von Opiaten geprägtes Leben. Er lässt in einer klaren, ehrlichen Sprache eine Welt sichtbar werden, die aufgrund einer öffentlichen Stigmatisierung ein Schattendasein fristen musste.
Sein Freund Allen Ginsberg unterstützte Burroughs bei der Erstellung des Manuskriptes und bei der Suche nach einem Verlag. In seinem Vorwort zu „Junkie“ aus dem Jahr 1976 beschreibt Ginsberg die düstere Atmosphäre, die das Werk einst umweht hat.
Johannes R. Becher (1891-1958, Deutschland und DDR)
Schriftsteller und Kulturfunktionär
Ein Fall von Morphinismus lag bei dem bekannten SED-Kulturfunktionär Johannes R. Becher vor. Ursprünglich war Becher ein Schriftsteller und dem Expressionismus zugetan. Dann schlug er mit Gründung der DDR eine Funktionärslaufbahn ein. Johannes R. Becher war der erste Minister für Kultur der DDR, Mitglied im Zentralkomitee der SED und Autor der Staatshymne. In seiner Lebensgeschichte gab es allerdings einen Abschnitt, der nicht so recht zum spießigen DDR-Ruf passte. Zwischen 1914 und 1918 war Becher dem Morphium verfallen. Mehrere Entziehungskuren musste er durchlaufen, um wieder auf Kurs zu kommen.
Wenn Manny Bröder Alltagserfahrungen eines Junkies in poetische Sprache übersetzt, dann greift er auf ganz persönliche Erfahrungen zurück. Seine Gedichte, die er in Stadtzeitungen und im Selbstverlag veröffentlichte, erzählen hautnah vom Nacht- und Tageslauf derer, die bei ihrer Flucht ins Leben immer wieder in Sackgassen landen. Manny Bröders Geschichten spielen in Amsterdam, Zürich, Frankfurt, Paris, Berlin, Bremen oder auch an jeden beliebigen Ort, wo Menschen unter der Oberfläche der Gesellschaft versuchen, sich über Wasser zu halten.
Harry Shapira schreibt über diesen Song:
«Die ersten drei Töne des Stücks Parker’s Mood galten als Signal zwischen Heroinsüchtigen in Los Angeles – als Erkennungszeichen, dass sie vor dem Haus ihres Dealers sangen, wenn sie mitten in der Nacht ihren Stoff brauchten.“
(Harry Shapira „Sky High – Droge und Musik im 20. Jahrhundert“, Hannibal Verlag 1995, S. 90)
«Heroin, be the death of me Heroin,
Heroin, it's my wife and it's my life Heroin,
Because a mainline to my vein»
«Cold turkey hast got me on the run»
The Stranglers: Golden Brown (1981)
«On her ship tied to the mast
To distant lands takes both my hands
Never a frown with golden brown
Golden brown, finer temptress»
Red Hot Chilli Pepper: Under the Bridge (1992)
«Don't ever wanna feel
Like I did that day
Take me to the place I love Take me all the way
I don't ever wanna feel
Is where I drew some blood»
System of a Dawn: She’s like Heroin (2005)
«She's like heroin
Sipping through a little glass
I'm looking for some help
I need someone to save her ass
Chinese tricks in rooms
With ghosts of hooker girly dudes
Me and heroin,
maybe we can make some cash selling»
In den 1920ger Jahren des letzten Jahrhunderts, als der Jazz in den USA immer weitere Klangkreise zog, sind in den Kellern und Kneipen nicht nur Blues, Bier und Whisky, sondern auch Reefers, Wacky Dust und Horse – also Marijuana, Kokain und Heroin – Stammgäste. Bekannte Musiker wie Lous Armstrong, Miles Davis und Ray Charles bekommen aus diesem Grund Ärger mit der Polizei.
Die bedeutende Bluessängerin Billie Holiday beschreibt in ihrer Autobiographie „Lady sings the blues“, wie sie mit ihrer Heroinabhängigkeit systematisch zwischen Schwarzmarkt und Justiz zerrieben wurde. In ihrem Buch klagt sie die Drogenpolitik der Vereinigten Staaten als rassistisch und inhuman an und plädiert dafür, Heroinsucht als Krankheit zu verstehen und Heroinsüchtige dementsprechend zu behandeln.
Sie kam aus einfachen Verhältnissen und sang auch vom Alltag der einfachen Leute. Ihre Lieder handelten von Liebe und Schmerz, von Sehnsucht und Enttäuschung, und sie wusste selbst zu genau, wovon sie in ihren Chansons erzählte. Edith Piaf, die wohl bedeutendste Chansonsängerin, durchlitt ein wechselhaftes Leben. Berühmt und mit musikalischem Erfolg gekrönt, wurde sie gleichzeitig immer wieder von Schicksalsschlägen und persönlichen Krisen heimgesucht.
Mit dem Künstler Jean Cocteau verband Edith Piaf nicht allein eine langjährige Freundschaft, sondern auch die Höhen und Tiefen der Opiatabhängigkeit. 1951, nach einem Autounfall, machte Edith Piaf Bekanntschaft mit Morphium und konnte sich trotz mehrfacher Therapien nicht wieder aus dessen Umklammerung befreien.
Wladimir Semjonowitsch Wyssozki (1938-1980, Sowjetunion)
Sänger und Poet
Wyssozki gehörte zu den beliebtesten Künstlern seines Landes. In seinen Liedern thematisierte er, was sonst Tabu war: Korruption, Gewalt, Alkohol, Scheitern. In seinem alltäglichen Leben konsumierte Wyssozki nicht allein hemmungslos den traditionellen Wodka. Ebenso intensiv gebrauchte er auch Opiate. Diesen Umstand versuchte der sowjetische Geheimdienst KGB zu nutzen, um den Sänger unter Druck zu setzen. Die Dramatik des Geschehens schildert der 2011 erschienene Film von Pjotr Buslow „Wyssozki - Danke, für mein Leben“, dessen Drehbuch der Sohn des Sängers, Nikita Wyssozki geschrieben hat.
In dem von mir geschriebenen Gedicht „Für Wyssozki“ wird sein Drogengebrauch angesprochen:
Lieder heulen
wie der Nordwind um Ohr & Herz
klagen zwischen Wodka und Morphinen
die Schwermut aus allen Sternen
Grafische Einstiche
Peter war eine prägende Galionsfigur der niederländischen Underground-Comic-Szene. Sein Wirken war untrennbar mit den Subkulturen des 20. Jahrhunderts verbunden. Mit autobiografischen Comics, so „The Amsterdam Connection“ von 1977, in denen er seinen Heroingebrauch thematisierte, wurde Peter Pontiac zum Vorreiter für weitere Künstler*innen. Auch auf vielen Postern und Plattencover wurden seine grafischen Ideen verwirklicht.
Gerichtszeichnerin
Junkies leben auf der Kippe, ausgegrenzt und anonym. Aufmerksamkeit erlangen sie als Problemfall, in sozialer oder juristischer Hinsicht. Dabei werden aber nur ihre Masken sichtbar; ihre Gesichter müssen verborgen bleiben.
Christine Böer, Gerichtszeichnerin aus Hamburg, will sich mit dieser bedrückenden Anonymität nicht abfinden. In ihr entsteht der Wunsch, vor Ort nachzusehen, was es bedeutet, als Junkie zu leben. Christine Böer macht sich auf den Weg – hin zu den Ausgegrenzten. Sie findet keine Masken, sondern Gesichter. Das animiert sie zum Zeichnen. Sie entdeckt Menschen mit Geschichten, Sehnsüchten und Traurigkeiten, mit Zorn und Zärtlichkeit. So entstehen zahllose Bilder, menschlich und kunstvoll im besten Sinn des Wortes. 1992 erscheint ihr Buch „Auf der Kippe – Junkie-Porträts, Zitate, Kommentare/ eine gezeichnete Reportage zur Sucht“, ein würdevoll gestaltetes Portrait einer Szene.
Fotograf
Über mehrere Jahre hinweg fotografierte Torsten Schmidt Menschen in der Amsterdamer Drogenszene. Als Drogenarbeiter bei dem Hilfsvereinen „AMOC/DHV“ war er mit dieser Welt täglich im Kontakt und auch handelnd in sie eingebunden. Deshalb sind seine Fotografien mehr wie gute dokumentarische Mitteilungen eines wachen Beobachters. Mit seinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen plädiert er gegen das Schwarz-Weiß-Denken im Umgang mit drogengebrauchenden Menschen. Torsten Schmidts Bilder spiegeln ehrlich und sensibel das Dasein einer Welt, die, wie alle anderen Welten auch, im Wechselspiel von Licht und Schatten ihre Konturen findet.
Mit dem Autor Manny Bröder veröffentlichte er 1992 das Buch „Ich bin einmalig, und dass ich noch lebe, das freut mich“ im Verlag Rasch und Röhring.
Filmische Einstiche mit literarisch-musikalischen Beimischungen
Sozialdrama/ Klassiker
USA 1955/ Schwarzweiß
Regie: Otto Preminger
Darsteller: Frank Sinatra, Eleanor Parker, Kim Novak
Musik: Elmer Bernstein
Dieser mehrfach für den Oscar nominierte Streifen gilt als Filmklassiker.
Die Handlung: Der drogenabhängige Frankie Machine versucht nach einer Entziehungskur, sich als Orchesterschlagzeuger eine neue Existenz aufzubauen. Doch im Umfeld von Chicagos Elendsviertel bekommt er kaum Unterstützung. Er gerät in einen Teufelskreis alter und neuer Abhängigkeiten.
Dieser Film, der durch starke schauspielerische Leistungen besticht, hatte damals eine schockierende Wirkung auf das Publikum. Soziale Hintergründe werden in diesem Film als Ursache für Drogengebrauch beschrieben.
Schweiz 1993
Dokumentarfilm
(Schweizerdeutsch mit deutschen Untertiteln)
Stephan Laur
mahagi film
Marco Hausammann-Gilardi
„Klatschmohn“ ist einer der ehrlichsten und authentischsten Filme zum Thema Heroin, weil in diesen 73 Minuten nicht über, sondern mit den Gebraucher*innen gesprochen wird. Junkies, Ex-User und Substituierte kommen zu Wort und berichten ihre ganz eigenen Geschichten. Das Filmteam trifft Menschen in einem der Basler Gassenstübl, wo Heroingebraucher*innen in kontrollierten Rahmen ihre Droge konsumieren dürfen. Aber es hat ebenso Kontakt zu Personen, die unauffällig ein Doppelleben inmitten der Gesellschaft führen. Auf diese Weise entsteht ein äußerst konkretes, differenziertes und persönliches Bild, das eine kritische, klischeefreie Sicht auf Heroin gebrauchende Menschen möglich macht. „Klatschmohn“ sollte Pflichtfilm sein für alle, die sich mit diesem Thema ernsthaft auseinandersetzen wollen.
USA 1994
Thriller
Regie: Quentin Tarantino
Darsteller: Bruce Willis, John Travolta, Uma Thurman, Samuel L. Jackson
„Pulp Fiction“ spielt im Großstadtbiotop der Gangster, Killer und Junkies. Heroin ist hier so präsent, wie andernorts Kaffee und Zigaretten. Und als Mia, die Braut des Bosses, versehentlich eine Überdosis nimmt, müssen die Akteure zu lebensgefährlicher Drogennotfallhilfe greifen. Ein Film, in sich verschachtelt mit unterschiedlichen Erzählebenen und voll mit tiefschwarzem Humor.
Musikfilm
USA 2004
Regie: Taylor Hackford
Darsteller: Jamie Foxx, Kerry Washington
Musik: Ray Charles, Craig Armstrong
Die Biografie des bedeutenden Soulmusikers Ray Charles spiegelt all das, was im letzten Jahrhundert für die US-Jazz-Szene der vorrangig schwarzen Künstler bedeutend war: ein zäher Überlebenskampf, explodierende Lebenslust, musikalische Höchstleistungen, Widerstand gegen Rassendiskriminierung. Und Heroin. In diesem Film wird die Heroinabhängigkeit von Ray Charles als ein Teil seines Lebensweges geschildert. Damit gelingt eine äußerst authentische, ehrliche und schließlich auch hoffnungsvolle filmische Bearbeitung dieses Themas. „Ray“ erzählt damit glaubwürdiger über Heroin als manch vordergründiger Drogenfilm.
Sozialdrama mit schwarzem Humor
Schottland 1996
Regie: Danny Boyle
Darsteller: Ewan McGregor, Jonny Lee Miller, Ewen Bremner, Robert Carlyle
Musik: Iggy Pop, Lou Reed, Joy Division und andere
Grundlage für “Trainspotting” ist der gleichnamige Roman von Irvine Welsh, der drei Jahre zuvor veröffentlicht wurden war. Welsh hat in der Verfilmung eine Nebenrolle als Dealer übernommen. Die Verbindung zwischen der visuellen und musikalischen Ausdrucksebene ermöglicht, der Erfahrungswelt von Heroingebraucher*innen in Schottland der späten 1980ger Jahre jenseits von moralischen Beurteilungen intensiv nachspüren zu können. Auch der Heroingebrauch an sich wird filmisch in Szene gesetzt und als darstellbare Realität ernstgenommen. Zu Recht hat dieser Film inzwischen Kultstatus.
Seit Anbeginn haben sich opiatgebrauchende Menschen einen intensiven Kontakt untereinander aufgebaut. Wichtige Informationen wurden auf eigenen Kanälen weitergegeben. Es waren wichtige Nachrichten, die ausgetauscht wurden.
Hinweise, wo betrügerische oder gewalttätige Dealer agierten. Warnungen vor schlechten Stoff, der gerade kursierte. Oder Hinweise, wie Injektionen risikoärmer angesetzt werden können.
Während der AIDS-Epidemie der 1980er Jahre gingen die Akteure von Drogenszene und Drogenhilfe zu einer immer offener werdenden Kommunikation über. Angebote zur Überlebenshilfe wie Spritzentausch wurden möglich. In Amsterdam wurde der Spritzentausch für opiatkonsumierende Menschen 1984 gestartet, in Schweizer Städten wurden ab 1986 entsprechende Programme eingeleitet. 1987 waren Frankfurt/M. und Hamburg Vorreiter für Deutschland, obwohl die rechtliche Legalisierung des Spritzentausches erst 1992 erfolgte.
Wesentlicher Punkt der Kommunikationskultur wurde die gezielte Weitergabe von Safer-Use-Informationen, unter anderem über sichereres Injizieren.
Hohen Anteil an dieser Entwicklung hatten einerseits die 1993 gegründete Deutsche AIDS-Hilfe. Andererseits fanden sich zunehmend Opiatgebrauchende zusammen, die begannen, sich gegen die tägliche Stigmatisierung und Ausgrenzung zur Wehr zu setzen. Sie schufen Formen der Selbstorganisation, in den sie sich sozial, kulturell, medizinisch und politisch für ihre Interessen einsetzen.
Selbstorganisation:
Belangenvereniging Druggebruikers MDHG, Niederlande, Amsterdam (ursprünglich Medisch-sociale Dienst Heroïne Gebruikers), seit 1977
Junkiebond, Niederlande, Rotterdam, seit 1981
JES (Junkies, Exuser, Substituierte), Deutschland, seit 1989
In der Gründungserklärung von JES heißt es:
„Drogengebraucher_innen besitzen ebenso wie alle anderen Menschen ein Recht auf Menschenwürde. Sie brauchen es sich nicht erst durch abstinentes und angepasstes Verhalten zu erwerben.“
Die eigene Kultur wurde auf vielfältigen Kanälen publiziert: durch Flyer, Infobroschüren, Plakate und im Netz. Es entstanden Zeitschriften, die von Usern für User gestaltet wurden.
Jubaz Junkfurter Ballergazette, Frankfurt/M.
Herausgeberin: Integrative Drogenhilfe e.V.
Drogenkurier, bundesweit
Herausgeberin: JES mit Unterstützung der DAH
Spuit 11, Amsterdam
Herausgeberin: MDHG
Drogengebrauchsräume
In der Schweiz werden sie „Gassenstübli“ genannt. Gemeint sind Räume, in denen opiat- oder kokaingebrauchende Menschen in einem geschützten Rahmen Drogen konsumieren können. 1986 wurde die erste entsprechende Räumlichkeit in Bern eröffnet. Es folgten unter anderem Zürich, Hamburg, Bremen. In Rotterdam öffnete Pfarrer Visser die Keller seiner Paulus-Kerk für Opiatgebrauchende und richtete im Gotteshaus Drogengebrauchsräume ein.
Ursprünglich waren diese Einrichtungen als Schritt zur Überlebenshilfe gedacht. Es werden hygienische Konsumrahmenbedingungen und sterile Spritzutensilien angeboten. Im Drogennotfall ist Hilfe schnell zur Stelle. Zudem erreichen „Safer-Use-Botschaften“ und Beratungsmöglichkeiten direkt ihr Ziel.
Doch Gebrauchsräume sind weit mehr als eine Hilfsinstitution. Es sind Orte der Kommunikation und Selbsthilfe, Orte von sozialem Kontakt und kultureller Begegnung.
Nachtrag: Meine Kenntnisse über die Kultur der Opiatnadel habe ich nicht allein aus den oben angeführten kulturellen Werken. Ich bin der Überzeugung, dass innergesellschaftlich weit mehr mit drogengebrauchenden Menschen als über sie gesprochen werden muss. Ich habe diesen Dialog gesucht und bei vielen wertvollen Menschen gefunden: in Berlin und Hamburg, Bern und Zürich, Rotterdam und Amsterdam. Und bei denen, die sich in der Deutschen AIDS-Hilfe bzw. bei JES engagieren.
Direktlink: https://www.lucys-magazin.com/culture/p/kultur-einer-drogennadel