Kultur einer Drogennadel

The needle and the damage done

Kultur | 23.07.2026 07:00

Mit dem intimen Einstich der Opiatkanüle waren unter anderen vertraut: William S. Burroughs, Billie Holiday, Lou Reed, Janis Joplin, Hans Fallada, Iggy Pop, John Coltrane Göring, Charlie Parker, Marianne Faithfull, Francoise Sagan, Anita O'Day, Georg Trakl, Klaus Mann, John Poole, Edith Piaf, Friedrich Glausner, Ray Charles, Jean Cocteau, Johannes R. Becher und Wladimir Wyssozkij.

Michael Kleim

Als Neil Young 1972 sein Album „Harvest“ mit dem Titel „The needle and the damage done“ veröffentlichte, bewegte sich die mediale Heroin-Hysterie auf einen Höhepunkt zu. Bis weit in die 1980er hinein bestimmte das Bild von dem an der Nadel hängenden Junkie den öffentlichen Eindruck von dem, was Opiatgebrauch im Speziellen und Drogenanwendung im Allgemeinen ausmachen würde. Interessanterweise war es ausgerechnet die AIDS-Pandemie, die allmählich zu einer Versachlichung von Wahrnehmung führte.

I've seen the needle and the damage done A little part of it in everyone But every junkie's like a settin' sun. Neil Young

Ermöglicht wurde die Karriere der Kanüle als außergewöhnliches Drogenutensil erst im 19. Jahrhundert aufgrund moderner wissenschaftlich-medizinischer Erkenntnisse:

1804 Dem deutschen Apotheker Friedrich Wilhelm Adam Sertüner gelingt es, das Alkaloid Morphium aus Opium zu extrahieren. Benannt wird der Wirkstoff aus der Schlafmohnpflanze nach Morpheus, dem griechischen Gott der Träume.

1841 Durch den französischen Chirurg Charles-Gabriel Pravaz wird die Injektionsspritze entwickelt.

1844 Der irische Arzt Francis Rynd verbessert das Verfahren durch die Erfindung der Hohlnadel, also Kanüle.

1873 Der englische Chemiker Charles Romley Alder Wright erforscht die Reaktion von Morphium auf Essigsäure.

1896 Der deutsche Pharmazeut und Chemiker Felix Hoffmann realisiert die Herstellung von Diacetylmorphin.

1898 Der deutsche Pharmakonzern Bayer gibt die Markteinführung von Diacetylmorphin unter dem Namen „Heroin“ bekannt.

Die nadelfixierte Opiatkultur ist ohne Zweifel ein Produkt der Neuzeit. Sie ist ein Kind des Zeitalters von Wissenschaft und Industrialisierung. Wie gesagt, erst die Entwicklung der modernen Medizin machte sie möglich. Aber diese spezielle Drogenkultur ist auch ein Spiegel gesellschaftlicher, ökonomischer und psychologischer Zustände und Entwicklungen dieser Epoche. Bis zum heutigen Tag.

Anzumerken ist, dass im 20. Jahrhundert der Gebrauch der Opiat-Kanüle infolge von Kriegen zunehmende Verbreitung fand. So stieg nach dem 1. Weltkrieg der intravenöse Konsum von Morphium nicht allein in Deutschland signifikant an.

Mit der Operation Rolling Thunder am 2. März 1965 starteten die USA die offene Intervention gegen das kommunistisch regierte Nordvietnam. Die als Vietnamkrieg in die Geschichte eingehende blutige militärische Auseinandersetzung dauerte bis 1975 an. Vietnam liegt im Bereich traditioneller Opiumanbaugebiete. Die Soldaten der US-Army kamen so direkt mit Heroin in Kontakt. Die schrecklichen Kriegserfahrungen förderten den Gebrauch von Opiaten. Durch heimkehrende bzw. in Europa stationierte GIs wurde dann Heroin in größeren Stil verbreitet.

Im Dezember 1979 marschierte sowjetisches Militär in Afghanistan ein und etablierte dort eine Marionettenregierung. Ursprünglich sollten die Truppen nach kurzer Zeit wieder abziehen. Tatsächlich entwickelte sich der Konflikt zu einem zehnjährigen Krieg, in dessen Folge islamistische Kräfte in dem Land an Einfluss gewannen. Viele russische Kämpfer kehrten schwer traumatisiert in ihre Heimat zurück. Eine weitere Konsequenz des Krieges war, dass die Verbreitung illegalisierter Drogen in Russland massiv zunahm. Insbesondere der deutliche Anstieg des Heroingebrauchs konnte infolge der Afghanistaninvasion festgestellt werden. Afghanistan avancierte zum Hauptproduzenten von Opium und Heroin. Russland wurde einer der größten Abnehmer des betäubenden Stoffes. Einerseits lernten viele Sowjetsoldaten in Afghanistan Heroin kennen und kamen als Junkies nach Hause. Andererseits entwickelten sich gut funktionierende Strukturen eines illegalen Marktes. Die damals entstandenen Transit- und Handelswege sind zum Teil bis heute aktiv. Korruption unter den russischen Beamten, Polizisten und Militärs förderte die kriminellen Machenschaften. Als unter Gorbatschow 1989 die letzten russischen Truppen Afghanistan verließen, blieb die Heroin-Connection weiter bestehen.

Literarische Einstiche
 
Friedrich Glauser (1896-1938, Schweiz)

Kriminalautor

Morphium - eine Beichte

Friedrich Glauser, nach dem heute ein renommierter Kriminalautorenpreis und eine kleine Gasse in Zürich benannt sind, hat zu seinen Lebzeiten weniger Anerkennung erfahren. Vielmehr lernte er Fremdenlegion, Gerichtssäle, Strafanstalten, Kliniken und psychiatrische Einrichtungen kennen. Bereits als Schüler macht er Erfahrungen mit Chloroform und Äther. Mit Haschisch kam Glauser in Nordafrika in Kontakt. Zeit seines Lebens ist er dem Morphium verfallen, zeitweilig hat er Zugang zu Kokain. Sein Vater lässt ihn kurz nach der Volljährigkeit entmündigen.

Neben dem Rausch ist es das Schreiben, in dem sich Glauser ganz verlieren konnte und wollte. Mit Erzählungen und tiefgründigen Krimanalromanen erwirbt er sich literarische Beachtung.

In seiner Erzählung „Morphium - eine Beichte“ berichtet Glausner von seiner existentiellen Achterbahnfahrt als Opiatgebraucher. Er verdrängt dabei keine Schattierung seines unsteten Daseins. Zur Sprache bringt Glausner den Glücksflash durch das Morphium, körperliche und psychische Reaktionen auf das Opiat, die Qualen des Entzuges und auch seine Aufenthalte in Haftanstalten und psychiatrischen Kliniken. Bemerkenswerterweise würdigt er die Psychoanalyse als Möglichkeit, sich selbstkritisch der eigenen Abhängigkeitserkrankung zu stellen. Deutlich verteidigt er diese Methode gegen unsachliche und antisemitisch motivierte Abwertungen.

1938 stirbt Friedrich Glauser 42-jährig unter nicht ganz geklärten Umständen.

Schauen, Schauen, Schauen. Und nie das Erstauen vergessen. Wir sind nicht da, um zu richten. Wir sind da, um zu erzählen. Wir sind nicht da, um Rätsel zu erklären, wir müssen Rätsel erfinden. Die Lösung ist immer irrelevant. (Friedrich Glauser in einem Brief an Martha Ringier) „Ich erinnere mich noch genau an die Wirkung dieser Einspritzung. Plötzlich wurde ich ganz wach. Ein sonderbares, schwer zu beschreibendes Glücksgefühl „nahm von mir Besitz“ (man kann es kaum anders ausdrücken). Trotzdem es mir damals materiell sehr schlecht ging, war alles plötzlich verändert, die Not hatte ihre Wichtigkeit verloren, sie war nicht mehr vorhanden, ich hielt das Glück in den Händen; es war, um einen schlechten Vergleich zu gebrauchen, so, als ob mein ganzer Körper ein einziges Lächeln wäre. (Friedrich Glauser „Morphium und autobiographische Texte“ Verlags AG „Die Arche“ Zürich 1980, S.121f. und S. 124f.)  

William S. Burroughs (1914-1997, USA)

Beatnik und Literat

Junkie: Geständnisse eines unerlösten Drogenabhängigen

Nach dem 2. Weltkrieg trat in den USA eine literarische Subkultur in Erscheinung, die wesentlich die weitere kulturelle Entwicklung beeinflusst hat: die Beat-Generation. Protagonisten waren unter anderem Allen Ginsberg, Jack Kerouac, Gregory Corso, Ken Kesey und William S. Burroughs. Sprache wurde mit den Rhythmen des Jazz in Beziehung gesetzt. Mit den literarischen Themen wurden bewusst gesellschaftliche Tabus gebrochen. Sexualität rückte in den Mittelpunkt, ebenso eine freie spirituelle Suche und die Reflektion von Drogenerfahrungen. Der Lebensstil von Außenseitern jenseits der Massengesellschaft fand bei den Beatniks sein Sprachrohr.

William S. Burroughs, 1914 in St. Louis geboren, verarbeitete in seinem Werk prägende Momente seiner Biografie. Opiatabhängigkeit und Experimente mit psychedelischen Substanzen spiegeln sich in seinen Texten.

Der Roman „Junkie“, den Burroughs 1953 ursprünglich unter dem Pseudonym William Lee veröffentlichte, gibt authentische Einblicke in ein von Opiaten geprägtes Leben. Er lässt in einer klaren, ehrlichen Sprache eine Welt sichtbar werden, die aufgrund einer öffentlichen Stigmatisierung ein Schattendasein fristen musste.

Einen Schuß Morphium spürt man zuerst hinten in den Beinen, dann im Nacken, eine Welle der Entspannung geht durch den Körper, die Muskeln lockern sich von den Knochen, es ist ein Gefühl, als würde man in warmem Salzwasser treiben und sich langsam auflösen. „Am Anfang denken wir alle, wir könnten uns beherrschen. Aber manchmal wollen wir uns gar nicht beherrschen. (William S. Burroughs „Junkie“ Zweitausendeins 1978, Übersetzung Carl Weissner, S. 31-33)

Sein Freund Allen Ginsberg unterstützte Burroughs bei der Erstellung des Manuskriptes und bei der Suche nach einem Verlag. In seinem Vorwort zu „Junkie“ aus dem Jahr 1976 beschreibt Ginsberg die düstere Atmosphäre, die das Werk einst umweht hat.

Damals lebte man – für uns heute leicht nachzuempfinden angesichts der Nachwirkungen einer Polizeistaat-Paranoia, die von den Rauschgiftderzernaten planmäßig kultiviert wurde – in einem Klima ständiger Angst; wer sich im Bus oder der U-Bahn über Marihuana unterhielt (von Junk ganz zu schweigen), der konnte jederzeit verhaftet werden – auch wenn nur davon die Rede war, dass die entsprechenden Gesetze geändert werden müßten. Wer von Dope auch nur sprach, bewegte sich praktisch schon in der Illegalität. Die nackte und simple Tatsache ist, daß die Rauschgiftdezernate mit dem organisierten Verbrechen Hand in Hand arbeiteten; sie waren am illegalen Drogengeschäft beteiligt; an einer ärztlichen Behandlung von Süchtigen konnte ihnen also nicht gelegen sein; deshalb bauten sie den Süchtigen als Buhmann auf und betrieben seine Kriminalisierung. (William S. Burroughs „Junkie“ Zweitausendeins 1978, Übersetzung Carl Weissner, S. 12-13)  

Johannes R. Becher (1891-1958, Deutschland und DDR)

Schriftsteller und Kulturfunktionär

Ein Fall von Morphinismus lag bei dem bekannten SED-Kulturfunktionär Johannes R. Becher vor. Ursprünglich war Becher ein Schriftsteller und dem Expressionismus zugetan. Dann schlug er mit Gründung der DDR eine Funktionärslaufbahn ein. Johannes R. Becher war der erste Minister für Kultur der DDR, Mitglied im Zentralkomitee der SED und Autor der Staatshymne. In seiner Lebensgeschichte gab es allerdings einen Abschnitt, der nicht so recht zum spießigen DDR-Ruf passte. Zwischen 1914 und 1918 war Becher dem Morphium verfallen. Mehrere Entziehungskuren musste er durchlaufen, um wieder auf Kurs zu kommen.

Manny Bröder (Deutschland)
Gedichte von Treumer und Pushern

Wenn Manny Bröder Alltagserfahrungen eines Junkies in poetische Sprache übersetzt, dann greift er auf ganz persönliche Erfahrungen zurück. Seine Gedichte, die er in Stadtzeitungen und im Selbstverlag veröffentlichte, erzählen hautnah vom Nacht- und Tageslauf derer, die bei ihrer Flucht ins Leben immer wieder in Sackgassen landen. Manny Bröders Geschichten spielen in Amsterdam, Zürich, Frankfurt, Paris, Berlin, Bremen oder auch an jeden beliebigen Ort, wo Menschen unter der Oberfläche der Gesellschaft versuchen, sich über Wasser zu halten.

ZU GAST BEI FRAU PUSHER Frühstück! rief sie fröhlich. Ich hätte sie (ihrer schrillen Stimme wegen) erwürgen können!! Die majestätische Flamme unter dem Löffel verzeiht ihr vieles! (Manny Bröder in Ich bin einmalig, und dass ich noch lebe, das freut mich“ Rasch und Röhring 1992, S. 42, 66, 70) Musikalische Einstiche Clarence Williams: Jerry the Junker (1921) You heard about Minnie the Moocher, And about Smokey Joe, Well, gather 'round me while i tell ya' 'bout a boy you should know Folk all call him 'Jerry the Junker' down in China Town Champion Jack Dupree: Junkers Blues (1940)

Harry Shapira schreibt über diesen Song:

«Die ersten drei Töne des Stücks Parker’s Mood galten als Signal zwischen Heroinsüchtigen in Los Angeles – als Erkennungszeichen, dass sie vor dem Haus ihres Dealers sangen, wenn sie mitten in der Nacht ihren Stoff brauchten.“

(Harry Shapira „Sky High – Droge und Musik im 20. Jahrhundert“, Hannibal Verlag 1995, S. 90)

Velvet Underground: Heroin (1967)

«Heroin, be the death of me Heroin,

Heroin, it's my wife and it's my life Heroin,

Because a mainline to my vein»

John Lennon: Cold Turkey (1969)

«Cold turkey hast got me on the run»

Rolling Stones: Sister morphine (1971) «Please, Sister Morphine, turn my nightmares into dreams»

The Stranglers: Golden Brown (1981)

«On her ship tied to the mast

To distant lands takes both my hands

Never a frown with golden brown

Golden brown, finer temptress»

Red Hot Chilli Pepper: Under the Bridge (1992)

«Don't ever wanna feel

Like I did that day

Take me to the place I love Take me all the way

I don't ever wanna feel

Is where I drew some blood»

System of a Dawn: She’s like Heroin (2005)

«She's like heroin

Sipping through a little glass

I'm looking for some help

I need someone to save her ass

Chinese tricks in rooms

With ghosts of hooker girly dudes

Me and heroin,

maybe we can make some cash selling»

Billie Holiday (1915-1959, USA) Bluessängerin

In den 1920ger Jahren des letzten Jahrhunderts, als der Jazz in den USA immer weitere Klangkreise zog, sind in den Kellern und Kneipen nicht nur Blues, Bier und Whisky, sondern auch Reefers, Wacky Dust und Horse – also Marijuana, Kokain und Heroin – Stammgäste. Bekannte Musiker wie Lous Armstrong, Miles Davis und Ray Charles bekommen aus diesem Grund Ärger mit der Polizei.

Die bedeutende Bluessängerin Billie Holiday beschreibt in ihrer Autobiographie „Lady sings the blues“, wie sie mit ihrer Heroinabhängigkeit systematisch zwischen Schwarzmarkt und Justiz zerrieben wurde. In ihrem Buch klagt sie die Drogenpolitik der Vereinigten Staaten als rassistisch und inhuman an und plädiert dafür, Heroinsucht als Krankheit zu verstehen und Heroinsüchtige dementsprechend zu behandeln.

«Wenn sie dich hochgehen lassen, warten sie lieber bis nach der Show. Wenn sie dich schon während der Woche schnappen, beschweren sich die Clubbesitzer und Theatermanager. Die geben vor, den Ruf des Hauses wahren zu müssen und so. Und die Bullen nehmen normalerweise viel Rücksicht auf deren Bedürfnisse. Aber gleich nach deinem letzten Auftritt bist du Freiwild … Man stelle sich mal vor, die Staatsgewalt verfolgt Diabetiker. Belegt Insulin mit einer Steuer und überlässt es dem Schwarzmarkt, erzählt den Ärzten, es gäbe dafür keine Behandlung, verhaftet Diabetiker wegen Steuerhinterziehung und schafft sie ins Gefängnis. Wenn wir das täten, wüsste jeder, dass wir verrückt sind. Aber wir tun praktisch dasselbe jeden Tag in der Woche mit Rauschgiftkranken. Die Gefängnisse sind überfüllt, und es wird jeden Tag schlimmer.» (Billie Holiday „Lady sings the Blues“ in „Tänzerinnen zwischen Himmel und Hölle“, Werner Piepers Medienexperimente 1990, S. 117-125)
 
Edith Piaf (1915-1963, Frankreich) Chansonsängerin

Sie kam aus einfachen Verhältnissen und sang auch vom Alltag der einfachen Leute. Ihre Lieder handelten von Liebe und Schmerz, von Sehnsucht und Enttäuschung, und sie wusste selbst zu genau, wovon sie in ihren Chansons erzählte. Edith Piaf, die wohl bedeutendste Chansonsängerin, durchlitt ein wechselhaftes Leben. Berühmt und mit musikalischem Erfolg gekrönt, wurde sie gleichzeitig immer wieder von Schicksalsschlägen und persönlichen Krisen heimgesucht.

Mit dem Künstler Jean Cocteau verband Edith Piaf nicht allein eine langjährige Freundschaft, sondern auch die Höhen und Tiefen der Opiatabhängigkeit. 1951, nach einem Autounfall, machte Edith Piaf Bekanntschaft mit Morphium und konnte sich trotz mehrfacher Therapien nicht wieder aus dessen Umklammerung befreien.

«Wenn ich spürte, dass die Wirkung des Giftes nachließ, hatte ich es nämlich so eilig, zu meiner Dosis zu kommen, dass ich mir nicht einmal die Mühe machte, Nadel und Spritze auszukochen, um sie zu sterilisieren. Rücksichtslos spritzte ich mich durch die Kleider. . „Ich habe Verträge einzuhalten“, erklärte ich einem Arzt, aber schauen sie mich an! Was bin ich denn? Bloß noch ein Hader, kaum fähig zu sprechen. Können Sie etwas für mich tun?“ Und er verschrieb mir Spritzen. Sie würden den Organismus anregen, meinte er. Und tatsächlich lebte ich gleich nach der ersten wieder auf. Und das mit gutem Grund!» (Edith Piaf „Mein Leben“ in „Tänzerinnen zwischen Himmel und Hölle“, Werner Piepers Medienexperimente, S. 138-140)  

Wladimir Semjonowitsch Wyssozki (1938-1980, Sowjetunion)

Sänger und Poet

Wyssozki gehörte zu den beliebtesten Künstlern seines Landes. In seinen Liedern thematisierte er, was sonst Tabu war: Korruption, Gewalt, Alkohol, Scheitern. In seinem alltäglichen Leben konsumierte Wyssozki nicht allein hemmungslos den traditionellen Wodka. Ebenso intensiv gebrauchte er auch Opiate. Diesen Umstand versuchte der sowjetische Geheimdienst KGB zu nutzen, um den Sänger unter Druck zu setzen. Die Dramatik des Geschehens schildert der 2011 erschienene Film von Pjotr Buslow „Wyssozki - Danke, für mein Leben“, dessen Drehbuch der Sohn des Sängers, Nikita Wyssozki geschrieben hat.

In dem von mir geschriebenen Gedicht „Für Wyssozki“ wird sein Drogengebrauch angesprochen:

Lieder heulen

wie der Nordwind um Ohr & Herz

klagen zwischen Wodka und Morphinen

die Schwermut aus allen Sternen

Grafische Einstiche

Peter Pontiac (1951-2015, Niederlande) Cartoonist, Comic Artist, Illustrator

Peter war eine prägende Galionsfigur der niederländischen Underground-Comic-Szene. Sein Wirken war untrennbar mit den Subkulturen des 20. Jahrhunderts verbunden. Mit autobiografischen Comics, so „The Amsterdam Connection“ von 1977, in denen er seinen Heroingebrauch thematisierte, wurde Peter Pontiac zum Vorreiter für weitere Künstler*innen. Auch auf vielen Postern und Plattencover wurden seine grafischen Ideen verwirklicht.

«Mein Verstand war total im Eimer. Ich warf Acid und mir war, als hätte ich ‘nen schrecklichen Krieg hinter mir. Visionen der Hölle tanzten immer noch da vor meinen Augen. Dann traf ich diese Leute in Haarlem und die fragten mich, ob ich Opium schießen wollte. Sehr clean, das Zeug. Die hatten sogar Krankenhaus-Spritzen aus Chrom und Glas. Wischten sich mit Alkohol die Venen. Plötzlich tauchten die schlechten Trips weg wie Schnee unter der Sonne. Seitdem bin ich draufgeblieben auf Junk.» (William Levy „Oh Amsterdam!“ Volksverlag 1983, S. 45)
 
Christine Böer (Deutschland)

Gerichtszeichnerin

Junkies leben auf der Kippe, ausgegrenzt und anonym. Aufmerksamkeit erlangen sie als Problemfall, in sozialer oder juristischer Hinsicht. Dabei werden aber nur ihre Masken sichtbar; ihre Gesichter müssen verborgen bleiben.

Christine Böer, Gerichtszeichnerin aus Hamburg, will sich mit dieser bedrückenden Anonymität nicht abfinden. In ihr entsteht der Wunsch, vor Ort nachzusehen, was es bedeutet, als Junkie zu leben. Christine Böer macht sich auf den Weg – hin zu den Ausgegrenzten. Sie findet keine Masken, sondern Gesichter. Das animiert sie zum Zeichnen. Sie entdeckt Menschen mit Geschichten, Sehnsüchten und Traurigkeiten, mit Zorn und Zärtlichkeit. So entstehen zahllose Bilder, menschlich und kunstvoll im besten Sinn des Wortes. 1992 erscheint ihr Buch „Auf der Kippe – Junkie-Porträts, Zitate, Kommentare/ eine gezeichnete Reportage zur Sucht“, ein würdevoll gestaltetes Portrait einer Szene.

Torsten Schmidt (Deutschland, Niederlande)

Fotograf

Über mehrere Jahre hinweg fotografierte Torsten Schmidt Menschen in der Amsterdamer Drogenszene. Als Drogenarbeiter bei dem Hilfsvereinen „AMOC/DHV“ war er mit dieser Welt täglich im Kontakt und auch handelnd in sie eingebunden. Deshalb sind seine Fotografien mehr wie gute dokumentarische Mitteilungen eines wachen Beobachters. Mit seinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen plädiert er gegen das Schwarz-Weiß-Denken im Umgang mit drogengebrauchenden Menschen. Torsten Schmidts Bilder spiegeln ehrlich und sensibel das Dasein einer Welt, die, wie alle anderen Welten auch, im Wechselspiel von Licht und Schatten ihre Konturen findet.

Mit dem Autor Manny Bröder veröffentlichte er 1992 das Buch „Ich bin einmalig, und dass ich noch lebe, das freut mich“ im Verlag Rasch und Röhring.

Filmische Einstiche mit literarisch-musikalischen Beimischungen

Der Mann mit dem goldenen Arm

Sozialdrama/ Klassiker

USA 1955/ Schwarzweiß

Regie: Otto Preminger

Darsteller: Frank Sinatra, Eleanor Parker, Kim Novak

Musik: Elmer Bernstein

Dieser mehrfach für den Oscar nominierte Streifen gilt als Filmklassiker.

Die Handlung: Der drogenabhängige Frankie Machine versucht nach einer Entziehungskur, sich als Orchesterschlagzeuger eine neue Existenz aufzubauen. Doch im Umfeld von Chicagos Elendsviertel bekommt er kaum Unterstützung. Er gerät in einen Teufelskreis alter und neuer Abhängigkeiten.

Dieser Film, der durch starke schauspielerische Leistungen besticht, hatte damals eine schockierende Wirkung auf das Publikum. Soziale Hintergründe werden in diesem Film als Ursache für Drogengebrauch beschrieben.

Klatschmohn – Aus dem Leben mit Heroin

Schweiz 1993

Dokumentarfilm

(Schweizerdeutsch mit deutschen Untertiteln)

Stephan Laur

mahagi film

Marco Hausammann-Gilardi

„Klatschmohn“ ist einer der ehrlichsten und authentischsten Filme zum Thema Heroin, weil in diesen 73 Minuten nicht über, sondern mit den Gebraucher*innen gesprochen wird. Junkies, Ex-User und Substituierte kommen zu Wort und berichten ihre ganz eigenen Geschichten. Das Filmteam trifft Menschen in einem der Basler Gassenstübl, wo Heroingebraucher*innen in kontrollierten Rahmen ihre Droge konsumieren dürfen. Aber es hat ebenso Kontakt zu Personen, die unauffällig ein Doppelleben inmitten der Gesellschaft führen. Auf diese Weise entsteht ein äußerst konkretes, differenziertes und persönliches Bild, das eine kritische, klischeefreie Sicht auf Heroin gebrauchende Menschen möglich macht. „Klatschmohn“ sollte Pflichtfilm sein für alle, die sich mit diesem Thema ernsthaft auseinandersetzen wollen.

Pulp Fiction

USA 1994

Thriller

Regie: Quentin Tarantino

Darsteller: Bruce Willis, John Travolta, Uma Thurman, Samuel L. Jackson

„Pulp Fiction“ spielt im Großstadtbiotop der Gangster, Killer und Junkies. Heroin ist hier so präsent, wie andernorts Kaffee und Zigaretten. Und als Mia, die Braut des Bosses, versehentlich eine Überdosis nimmt, müssen die Akteure zu lebensgefährlicher Drogennotfallhilfe greifen. Ein Film, in sich verschachtelt mit unterschiedlichen Erzählebenen und voll mit tiefschwarzem Humor.

Ray

Musikfilm

USA 2004

Regie: Taylor Hackford

Darsteller: Jamie Foxx, Kerry Washington

Musik: Ray Charles, Craig Armstrong

Die Biografie des bedeutenden Soulmusikers Ray Charles spiegelt all das, was im letzten Jahrhundert für die US-Jazz-Szene der vorrangig schwarzen Künstler bedeutend war: ein zäher Überlebenskampf, explodierende Lebenslust, musikalische Höchstleistungen, Widerstand gegen Rassendiskriminierung. Und Heroin. In diesem Film wird die Heroinabhängigkeit von Ray Charles als ein Teil seines Lebensweges geschildert. Damit gelingt eine äußerst authentische, ehrliche und schließlich auch hoffnungsvolle filmische Bearbeitung dieses Themas. „Ray“ erzählt damit glaubwürdiger über Heroin als manch vordergründiger Drogenfilm.

Trainspotting

Sozialdrama mit schwarzem Humor

Schottland 1996

Regie: Danny Boyle

Darsteller: Ewan McGregor, Jonny Lee Miller, Ewen Bremner, Robert Carlyle

Musik: Iggy Pop, Lou Reed, Joy Division und andere

Grundlage für “Trainspotting” ist der gleichnamige Roman von Irvine Welsh, der drei Jahre zuvor veröffentlicht wurden war. Welsh hat in der Verfilmung eine Nebenrolle als Dealer übernommen. Die Verbindung zwischen der visuellen und musikalischen Ausdrucksebene ermöglicht, der Erfahrungswelt von Heroingebraucher*innen in Schottland der späten 1980ger Jahre jenseits von moralischen Beurteilungen intensiv nachspüren zu können. Auch der Heroingebrauch an sich wird filmisch in Szene gesetzt und als darstellbare Realität ernstgenommen. Zu Recht hat dieser Film inzwischen Kultstatus.

Kommunikationskultur

Seit Anbeginn haben sich opiatgebrauchende Menschen einen intensiven Kontakt untereinander aufgebaut. Wichtige Informationen wurden auf eigenen Kanälen weitergegeben. Es waren wichtige Nachrichten, die ausgetauscht wurden.

Hinweise, wo betrügerische oder gewalttätige Dealer agierten. Warnungen vor schlechten Stoff, der gerade kursierte. Oder Hinweise, wie Injektionen risikoärmer angesetzt werden können.

Während der AIDS-Epidemie der 1980er Jahre gingen die Akteure von Drogenszene und Drogenhilfe zu einer immer offener werdenden Kommunikation über. Angebote zur Überlebenshilfe wie Spritzentausch wurden möglich. In Amsterdam wurde der Spritzentausch für opiatkonsumierende Menschen 1984 gestartet, in Schweizer Städten wurden ab 1986 entsprechende Programme eingeleitet. 1987 waren Frankfurt/M. und Hamburg Vorreiter für Deutschland, obwohl die rechtliche Legalisierung des Spritzentausches erst 1992 erfolgte.

Wesentlicher Punkt der Kommunikationskultur wurde die gezielte Weitergabe von Safer-Use-Informationen, unter anderem über sichereres Injizieren.

Hohen Anteil an dieser Entwicklung hatten einerseits die 1993 gegründete Deutsche AIDS-Hilfe. Andererseits fanden sich zunehmend Opiatgebrauchende zusammen, die begannen, sich gegen die tägliche Stigmatisierung und Ausgrenzung zur Wehr zu setzen. Sie schufen Formen der Selbstorganisation, in den sie sich sozial, kulturell, medizinisch und politisch für ihre Interessen einsetzen.

Für ein menschenwürdiges Leben mit Drogen“

Selbstorganisation:

Belangenvereniging Druggebruikers MDHG, Niederlande, Amsterdam (ursprünglich Medisch-sociale Dienst Heroïne Gebruikers), seit 1977

Junkiebond, Niederlande, Rotterdam, seit 1981

JES (Junkies, Exuser, Substituierte), Deutschland, seit 1989

In der Gründungserklärung von JES heißt es:

Drogengebraucher_innen besitzen ebenso wie alle anderen Menschen ein Recht auf Menschenwürde. Sie brauchen es sich nicht erst durch abstinentes und angepasstes Verhalten zu erwerben.“

Die eigene Kultur wurde auf vielfältigen Kanälen publiziert: durch Flyer, Infobroschüren, Plakate und im Netz. Es entstanden Zeitschriften, die von Usern für User gestaltet wurden.

Jubaz Junkfurter Ballergazette, Frankfurt/M.

Herausgeberin: Integrative Drogenhilfe e.V.

Drogenkurier, bundesweit

Herausgeberin: JES mit Unterstützung der DAH

Spuit 11, Amsterdam

Herausgeberin: MDHG

Drogengebrauchsräume

In der Schweiz werden sie „Gassenstübli“ genannt. Gemeint sind Räume, in denen opiat- oder kokaingebrauchende Menschen in einem geschützten Rahmen Drogen konsumieren können. 1986 wurde die erste entsprechende Räumlichkeit in Bern eröffnet. Es folgten unter anderem Zürich, Hamburg, Bremen. In Rotterdam öffnete Pfarrer Visser die Keller seiner Paulus-Kerk für Opiatgebrauchende und richtete im Gotteshaus Drogengebrauchsräume ein.

Ursprünglich waren diese Einrichtungen als Schritt zur Überlebenshilfe gedacht. Es werden hygienische Konsumrahmenbedingungen und sterile Spritzutensilien angeboten. Im Drogennotfall ist Hilfe schnell zur Stelle. Zudem erreichen „Safer-Use-Botschaften“ und Beratungsmöglichkeiten direkt ihr Ziel.

Doch Gebrauchsräume sind weit mehr als eine Hilfsinstitution. Es sind Orte der Kommunikation und Selbsthilfe, Orte von sozialem Kontakt und kultureller Begegnung.

Nachtrag: Meine Kenntnisse über die Kultur der Opiatnadel habe ich nicht allein aus den oben angeführten kulturellen Werken. Ich bin der Überzeugung, dass innergesellschaftlich weit mehr mit drogengebrauchenden Menschen als über sie gesprochen werden muss. Ich habe diesen Dialog gesucht und bei vielen wertvollen Menschen gefunden: in Berlin und Hamburg, Bern und Zürich, Rotterdam und Amsterdam. Und bei denen, die sich in der Deutschen AIDS-Hilfe bzw. bei JES engagieren.

Direktlink: https://www.lucys-magazin.com/culture/p/kultur-einer-drogennadel