Die Zauberer des Nordens

Schamanische Traditionen der Sami

Kultur | 06.07.2026 07:00

Die Sami sind eine Gruppe von Ethnien im hohen Norden Europas, die dort spätestens seit der Zeitenwende ansässig waren und bis heute einzigartige kulturelle Eigenheiten bewahrt haben. Dazu zählt eine reiche schamanische Tradition, die sich zum Beispiel in ihren verzierten, ovalen Zaubertrommeln widerspiegelt.

Text: Lars Meyenborch

Dabei sind uns genuin schamanische Vorstellungen überliefert, wie wir sie aus dem namensgebenden sibirischen Schamanismus kennen. Dazu gehört etwa die ganz klassisch-schamanische Konzeption eines Kosmos, der gänzlich beseelt ist und sich in drei Welten gliedert, die durch einen Weltenbaum verbunden sind. Dies sind Unterwelt, Mittelwelt (Menschenwelt) und Oberwelt. Der Schamane bedient sich zum Wohle der Gemeinschaft bestimmter Techniken, um seine Seele in Unter- und Oberwelt auszusenden und dort mit Göttern und Geistern, z.B. Tier-, Pflanzen-, oder Ortsgeistern, zu kommunizieren und so etwa Krankheiten zu heilen oder Vorhersagen für die Jagd zu machen.1 Dies ist ein für den Schamanen gefährliches Unterfangen und er nutzt dazu die Hilfe persönlicher Schutzgeister, oft in Form von Tiergeistern, die zum Teil sogar „erblich“ sind: So findet sich der Glaube, dass jede Familie eigene Geister habe und sich auch die Fähigkeiten zur Zauberei unter Mitwirkung der Geister in manchen Menschen mehr und in anderen wenig oder gar nicht finden lassen.2

Vermutlich aufgrund eben jener schamanischen Praktiken waren die Sami bei ihren skandinavischen Nachbarn schon im Mittelalter als besonders mächtige Zauberer bekannt. Dieser Ruf setzte sich bis in die Frühe Neuzeit fort und aus dem 17. und 18. Jahrhundert finden wir vermehrt Quellen von Reisenden, die sich aus verschiedenen Gründen in den Norden begaben und für ihre Zeitgenossen von den Sami, die inzwischen oberflächlich christianisiert worden waren, berichteten.

Auch in den Texten aus dem „aufgeklärten“ 18. Jahrhundert finden sich Berichte von den Fähigkeiten der Sami-Zauberer oder noiaidi, wie sie in den Sami-Sprachen heißen. So schreibt etwa zu Beginn des 18. Jahrhunderts der kursächsische Pastor und Hauslehrer Johann Gerhard Schellern in einer Beschreibung seiner Reisen in die Gegend um Tornio am Bottnischen Meerbusen im heutigen Finnland: „So weit durch die Welt der Nahme der Lappen erschollen, so weit gehet auch die gemeine Sage, daß die Lappen der Zauberey ergeben. Nun ist mehr als zu gewiß, daß vorzeiten im Heydenthum, und da sie ein freyes Volck waren, auf allerhand Art Zauberey verübet wurde, ob aber noch heut zu Tage einige sündhaffte Seelen solchem Irrthum ergeben, stelle dahin.“3

Obwohl der Pastor Scheller solche Praktiken entsprechend seines orthodox-lutherischen Hintergrunds ablehnt, findet er sie wohl doch interessant, denn er berichtet weiter: „Die alten Zauberer machten sich Hexen-Trummeln, so aus einem Stück Fichten= oder Birken=Holße bestunden . Diese Trummel war mit unzehlichen Bildern und Figuren roth bemahlet, dergleichen Bilder waren ihre Götter, item: Sonn, Mond, Sterne, allerhand wilde Thiere, Schlangen, Seen, und Flüsse .“4

Bei allen Ausführungen Schellers ist zu bedenken, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach mehrheitlich nicht aus Gesprächen mit den Sami selbst, sondern mit den schwedischen Bewohnern Tornios und der Umgebung sowie älteren Texten stammen werden und somit eine Außenperspektive auf eine fremde Kultur darstellen. Obwohl deshalb nicht jede Einzelheit als gesicherter Fakt gelten kann und auch einiges an Missverstandenem und Ungenauem zu erwarten ist, geben Berichte dieser Art doch immerhin einen groben Umriss der Verhältnisse vor Ort wider. Wenn Scheller fortfährt, die Praktiken auf Basis fremder Notizen genauer zu beschreiben, mag also das ein oder andere Stereotyp über die Sami-Zauberer zum Ausdruck kommen, im Kern zeichnet er aber ein Bild, das gut zu unserem heutigen Wissen über ekstatische und magische Praktiken passt: „Der erste Nutzen war, daß die Nordländer oder Lappen erforscheten, was in einem fremden Land passirete. Sie sollens haben errathen können, wenn sie, und andere Personen, den Zustand ihrer Freunde und Feinde; wenn sie auf die 500. ja 1000. Meilen von ihnen waren, wissen wollen.“5

Eine besondere Rolle spielten die oben bereits erwähnten, mit mythologischen Motiven verzierten Schamanen-Rahmentrommeln. Sie wurden nicht nur für die beschriebene Fernwahrnehmung, sondern auch zur Divination, Heilung und für weitere magische Zwecke, wie das Wettermachen,6 verwendet. Sie waren ein Hilfsmittel der „Zauberer“, um ihren Bewusstseinszustand zu manipulieren. Vereinfacht ausgedrückt wurden sie genutzt, um durch montones Trommeln eine Trance auszulösen. Diese besonderen Bewusstseinszustände waren nötig, um Magie zu bewirken. Ein Beispiel hierfür ist das Anfertigen von Seil- oder Stoffstücken, in denen sich mehrere Knoten befinden. Das Lösen eines jeden Knotens sollte dabei unterschiedlich starke Winde frei setzen und dementsprechend sollen diese magischen Artefakte angeblich bei seereisenden Kaufleuten begehrt gewesen sein. Auch vom Verschießen magischer „Pfeile“ ist in den Quellen die Rede, deren „Beschuss“ die Opfer zu Tode gebracht haben soll. Eine ähnliche magische Technik war das Ausschicken sogenannter „Taschen-Geister“, die wie kleine Fliegen ausgesehen haben sollen und gegen Feinde eingesetzt wurden.7

Die Trommelei war aber wohl nicht die einzige Technik der Bewusstseinsbeeinflussung. Einen ersten Hinweis auf den Gebrauch psychoaktiver Substanzen findet sich bei Scheller in der Beschreibung eines Sami-Zauberers während eines Rituals. Hier heißt es: „Der Finn=Lappe habe, als ein Trunckener, zu schreyen angefangen, sey unversehens in die Höhe gesprungen, und, nachdem er etliche mahl in einem Kreiß herumgelauffen, auf die Erde gefallen, alda wie ein Todter gelegen.“8

Der Zauberer hat sich augenscheinlich in einer Form von Ekstase befunden, die an Trunkenheit erinnerte, und ist zum Schluss in eine tiefe Trance gefallen, während derer er seine Magie ausübte.

Es ist nicht möglich, mit Sicherheit zu sagen, auf welcher Basis die beschriebenen Zustände entstanden sind, aber andere frühe Berichte erwähnen die Nutzung von Fliegenpilz und in Pfannen verbrannten Kräutermischungen. Der große Okkultismusforscher und Psychonaut des 19. Jahrhunderts, Carl Kiesewetter, bringt die Praktiken der Samen mit Bilsenkraut in Verbindung und suggeriert eine ähnliche Tradition, wie die der zentraleuropäischen „Hexen“ der Frühen Neuzeit.9

Von den frühen Sami aus dem Gebiet Inari im Norden des heutigen Finnlands berichtet uns der Historiker und Experte für Sami-Sprachen T.I. Itkonen in groben Zügen ein Fliegenpilzritual zur Initiation eines neuen Zauberers oder Schamanen durch einen Älteren. Dabei „taufte“ der Lehrer seinen Schüler, indem er ihm einen Fliegenpilz mit sieben Flecken zum Verzehr gab. Dabei sollte der Zaubergeist des Älteren auf den neuen Zauberer übertragen werden. Hierzu nahm der Lehrer Blut von seinem linken Ringfinger und bestrich damit den Kopf (vermutlich die Stirn), Handflächen und Fußsohlen des Schülers bestrich und dabei Zaubersprüche sprach. Während er die Handflächen bestrich sagte er „Vergiess, vergiess warmes Blut“ und beim Bestreichen der Fußsohlen „Betritt fremden Boden“, was die „Reichweite“ des übertragenen Geistes erhöhen sollte.10

Bemerkenswert im Zusammenhang mit dem Fliegenpilz ist seine Verbindung zu Birken und Rentieren, die in der Sami-Kultur beide eine herausgehobene Stellung genießen. Der Fliegenpilz wächst ausschließlich in Symbiose mit Bäumen, am häufigsten mit Birken und Fichten. Bei vielen Sami-Gruppen gilt die Birke als heilig und wird zum Teil als eine Art Weltenbaum vorgestellt.11 Die Rentiere wiederum stellten für viele Sami die Hauptlebensgrundlage dar und konnten von ihnen wahrscheinlich dabei beobachtet werden, wie sie Fliegenpilze fraßen und sich danach „berauscht“ verhielten.12

Neben der vermutlich alten Nutzung von Fliegenpilz und der vermuteten Nutzung von Bilsenkraut treten uns in den Quellen auch Berichte darüber entgegen, dass Sami-Schamanen Alkohol, Tabak, Fasten, Gesang und die bewusste Zufügung von Schmerzreizen13, etwa durch Schnitte in die eigenen Hände, genutzt haben,14 um die gewünschten Bewusstseinszustände zu erreichen. Alkohol und Tabak wurden auch als Gabe oder Opfer an die Geister verwendet.15 Der Konsum von Tabak wurde in der Frühen Neuzeit aus dem Süden übernommen und so finden sich Pfeifen und Tabak als Grabbeigaben.16

Am häufigsten wird allerdings von ausgedehntem Trommeln und Zaubergesängen berichtet. Diese Gesänge oder Joiks konnten sich an Hilfsgeister richten oder wie Zaubersprüche auf das Erreichen eines konkreten magischen Ziels gerichtet sein und halfen dem Schamanen durch ausdauerndes Wiederholen, in Trance zu geraten.17

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Mittel der Sami-Schamanen zur Manipulation ihres Bewusstseinszustandes und dem Bereisen des „Hyperspace“ offenbar zahlreich und sehr unterschiedlich waren. Neben der Einnahme von psychoaktiven Substanzen wie Alkohol, Fliegenpilz, Tabak und womöglich Bilsenkraut waren es vor allem repetetive Techniken, wie das Trommelschlagen und die Rezitation von Gesängen, mit denen die Zauberer des Nordens auf Seelenreisen gingen.

So treten uns die Vorfahren der heutigen Samen als eindrucksvolle Erinnerung an Europas ekstatisch-magische und kulturell-religiös reiche Vergangenheit entgegen.

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Fußnoten

1 J. Francis, Sámi Shamanism, Fishing Magic and Drum Symbolism, in: Shaman, Vol. 23 Nos. 1-2 (2015), 11–48, hier 11–16.

2 Anhang/ Oder Kurtzer Bericht/ von der Lappländer Zauber-Kunst , in: Georg Rudolph Widmann, Das ärgerliche Leben und schreckliche Ende des viel-berüchtigen Ertz-Schwartzkünstlers D. Johannis Fausti, Nürnberg 1681, 12f.

3 J. G. Schellers, Reise=Beschreibung nach Lappland und Bothnien, Jena 21748, 77.

4 Ebd., 78.

5 Ebd., 79.

6 Anhang/ Oder Kurtzer Bericht/ von der Lappländer Zauber-Kunst, 8.

7 Schellers, Reise=Beschreibung, 81f.

8 Ebd., 81f.

9 Vgl. C. Kiesewetter, Die Geheimwissenschaften. Eine Kulturgeschichte der Esoterik, Wiesbaden 22013, 502–539.

10 Vgl. T.I. Itkonen, Heidnische Religion und späterer Aberglaube bei den finnischen Lappen (Mémoires de la Société Finno-Ougrienne; LXXXVII), Helsinki 1946, 154f.

11 Vgl. V. V. Napolskikh, Proto-Uralic World Picture. A Reconstruction, in: Hoppál, Mihály/Pentikäinen, Juha (Hg.), Northern Religions and Shamanism (Ethnologica Uralica; 3), Helsinki 1992, 3–20.

12 Vgl. M. Dobkin de Rios, Hallucinogens. Cross-cultural perspectives, Prospect Heights 1990, 32, 195.

13 Siehe zu Schmerz allgemein: B. Khrushcheva, Pain in Shamanic Initiation, in: Hoppál, Mihály/Pentikäinen, Juha (Hgg.), Northern Religions and Shamanism (Ethnologica Uralica; 3), Helsinki 1992, 151–157.

14 Vgl. Å. Hultkrantz, Aspects of Saami (Lapp) Shamanism, in: Hoppál, Mihály/Pentikäinen, Juha (Hg.), Northern Religions and Shamanism (Ethnologica Uralica; 3), Helsinki 1992, 138–145, hier 142.

15 Vgl. P. Fjellström, Sacrifices, burial gifts and buried treasures. Function and Material, in: Bäckman, L./Hultkrantz, Å. (Hg.), Saami Pre-Christian Religion. Studies on the oldest traces of religion among the Samis, Uppsala 1985, 43–60, hier 46.

16 Vgl. Ebd., 54.

17 Vgl. Francis, Sámi Shamanism, 16f.

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