«Die Ignoranz hat kein zeitliches Limit»
Interview: Flann Rombeath
Flann: Mark, ich erinnere mich, wie du mir erzählt hast, dass du vor vielen Jahren den letzten freien Raum in Frisco gekauft hast. Ein Unterschlupf für Psychonauten. Wie ist es, von solch einem Ort aus mit Blick aus dem Fenster in die Zukunft zu sehen?
Mark: Ach weißt du, aus dem Plumpsklo, das ich gekauft habe, ist ein Penthouse geworden. Es ist nun einige Millionen Dollar wert, aber die Aussicht ist recht merkwürdig. Ich habe praktisch alle meine alten Nachbarn verloren, und ein Haufen neuer Leute wohnt nun da. Du weißt schon, die Verrückten aus dem Silicon Valley. Aber das macht nichts.
Flann: Du nimmst die Sache leicht?
Mark: Ich kann darüber lachen. Die stammen doch eh alle von uns ab. Das sind die Nachfahren des „Summer of Love“, und das da draußen ist die Zukunft „made by LSD“.
Flann: Das geht mir etwas zu schnell …
Mark: Also die ganze Computertechnologie ist inspiriert durch LSD. Weißt du, wenn du z.B. in Photoshop den Scharfzeichner nutzt, lässt der so eine kleine Linie um jeden Bildpunkt zurück, wie die Jahresringe in den Bäumen, und diese kleine Outline um alles, das ist es, was LSD eigentlich ist. Auch bei dir lässt es diese kleine Linie zurück. Und es ändert deine Sprache, verstehst du? Also ich meine, man erkennt an der Sprache, wer zur Familie gehört.
Flann: Du meinst also, dass die Nerds zur Familie gehören und LSD sprechen?
Mark: Lass es mich anders sagen: Ich halte mich für eine kleine Ameise. Und ich denke, dass wir alle Ameisen sind und zur gleichen Art gehören. Alles, was wir brauchen, ist also eine dieser Ameisen, um es zu schaffen. Was wir brauchen, ist eine Idee, die durch einen Ameisenkopf geht, damit jede Ameise diese Idee haben kann.
Deshalb mache ich keine Witze über meine neuen Nachbarn. Viele meiner Freunde schon, weil sie denken, ihr Leben hätte mehr Sinn als das von all diesen Technologen. Aber ich denke anders. Ich sehe überall nur andere Ameisen, andere Projekte, und die stören mich nicht.
Flann: Aber das ist doch schon eine seltsame Verbindung. Ich meine, wenn diese Nerds Ärzte beschäftigen, die damit reich werden, die Arbeitsleistung ihrer Patienten durch individuelle Dossierungspläne für LSD zu verbessern, was hat das mit den Hippies zu tun?
Mark: Die Techies nutzen LSD doch auch als Werkzeug …
Flann: Ja, aber nicht, um die Stimme des Kosmos zu hören. Sondern vielmehr, um eine eigene zu kreieren: intelligente Programme zur Beherrschung der Welt!
Mark: Weißt du, wenn sie genug LSD nehmen, werden sie damit wieder aufhören. Wenn du genug nimmst, dann kündigst du. Die Nachricht des LSDs verschwindet nicht. Die Menschen nehmen es, vielleicht mehr als in den letzten 40 bis 50 Jahren.
Zuerst hatte es mit dem Verbot zu tun, denn was illegalisiert ist, wird durch das Verbot erst populär. Und so war es! Für mindestens 35 Jahre ging der Konsum dann zurück und jetzt ist LSD wieder da.
Flann: Es scheint mir aber irgendwie anders: böse, kapitalistisch – manchmal faschistisch?
Mark: Ja, schon! Aber schau: Es ist wie mit dem Fernsehen, LSD ist wie das Fernsehen. Es ist nicht positiv oder negativ. Erst was man daraus macht, ergibt Gutes oder Schlechtes.
Unter den Umständen des „Summer of Love“ war der Psychedelika-Konsum hilfreich für die Idee der Revolution, für Frieden und Freiheit. Heute ist er hilfreich für die Technokratie, Rationalismus und digitalen Kapitalismus. Weil LSD schlicht mächtig ist. Als Werkzeug der Erkenntnis ist es mächtig. Aber es ist weder gut noch schlecht.
Erinnerst du dich, was ich über Microdosing in Basel gesagt habe? Am Ende wird LSD jeden zu einem besseren Menschen machen.
Flann: Das heißt, wir lehnen uns in den Sessel zurück, beobachten, die Hände in den Schoss gelegt und warten, bis das LSD seine Wirkung bei deinen Nachbarn entfaltet?
Mark: Ja, da bin ich mir sicher.
Flann: Du denkst ziemlich positiv über das Ganze.
Mark: Ja, ich bin mir sicher. Die Ignoranz hat kein zeitliches Limit, das heißt, man kann dumm bleiben, so lange man will. Es gibt da nichts zu überstürzen.
Wir müssen nicht sagen: Hört auf, blind zu sein und fangt an zu sehen. Um zu erkennen, braucht es kein aufklärendes Licht, keine künstliche Lampe, sondern nur natürliche Augen. Wir lassen das Unwissen so lange bestehen, wie es will, denn das Wissen wird aus ihm geboren.
Flann: Das ist Lichtenberg! Wenn ich mich richtig erinnere, hat er es aber viel pessimistischer formuliert. Du meinst also, die Intelligenz wird sich durchsetzen?
Mark: Sie muss sich durchsetzen.
Flann: Und wenn nicht, gehen wir durch einen wirklich dystopischen Teil der Zeit?
Mark: Nein, nur durch einen ignoranten. Und solange der anhält, machen wir Ameisen das Beste daraus: Wie wäre es zum Beispiel mit einer App, die anzeigt, wer gerade wo trippt?
Flann: Das wäre zumindest eine gute Überschrift für das Interview …
Mark: … und hilfreich für die Ayahuasca-Touristen. Ich meine, wenn die wüssten, wer alles in ihrer Nähe gerade drauf ist, müssten sie dafür nicht bis ans Ende der Welt fliegen.
Flann: Du meinst, die Sehnsucht nach Bewusstsein und Entspannung sei dann unnötig?
Mark: Weißt du, das Ganze erinnert mich an Huxley und seine „Schöne neue Welt“. Da ist das doch so, dass die Leute am Wochenende ein wenig Soma einbauen und dann einen Abstecher zu den Eingeborenen machen. Selbstgeißelung!
So sehe ich das: Diese Touristen kommen da am Wochenende zu den Schamanen, geißeln sich selbst mit Ayahuasca, nur um genauso ignorant wieder nach Hause zu fliegen, wie sie gekommen sind.
Versteh mich nicht falsch, ich liebe die Schamanen, und ich habe das Zeug auch selbst schon oft genommen, wenn auch meist in chemischer Form, aber verdammt, dafür muss man doch nicht um die halbe Welt reisen, sondern man wirft es schlicht mit ein paar Freunden ein.
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