Bali – das visionäre Biotop von Luke Brown

Psychedelische Kunst

Kultur | 31.07.2026 07:00

Wo Gottheiten unter Menschen weilen, die ihnen Schreine und Tempel errichten, entfalten sich Mythen, Künste und Kreativität. Ihre opulente Kultivierung inmitten tropisch üppiger Natur und kunstvoll angelegten Reisterrassen lockte Künstler aus aller Welt seit langem nach Bali, zum gegenseitig befruchtenden Austausch.
Claudia Müller-Ebeling
 
Anfang des 20. Jahrhunderts war es zum Beispiel der Holländer Walter Spiess, den einheimische Künste inspirierten und dessen perspektivische Malerei und choreografischen Anregungen nachhaltige Spuren in balinesischen Gemälden und im Ketchak-Affen-Tanz hinterließen. Seit 2004 arbeitet auch der Brite Luke Brown auf Bali, mit versierten Kunsthandwerkern, die ihm sogar visionäre Werke in 3D ermöglichen.
 
Auf der indonesischen «Insel der Götter» nehmen Shiva, Brahma und Vishnu auf allgegenwärtigen Lotosthronen Platz, die von der Weltschildkröte Bedawang getragen werden. In der vom Hinduismus inspirierten Steinmetzkunst verschmelzen Flachreliefs mit Vollplastiken, die Eingangstore von pura genannten Tempeln mit mythischen Szenen überziehen. Aus Holz geschnitzte, bemalte Masken sind unverzichtbar für zeremonielle Tänze und Maskenspiele, welche (begleitet von Gamelan-Musik) die ewige Dynamik der Schöpfungs- und Zerstörungskraft – verkörpert im Schutzgeist Barong und in der Hexe Rangda – vor Augen führen. Dass diese beiden einander weder besiegen noch töten können, wird sinnlich begreifbar, wenn scharfe, flammenartig geschmiedete Klingen von Kris-Dolchen Tanzende nicht verletzen, die erst durch Spritzer von tirtha-Weihwasser aus ihrer Trance erwachen. Denn ihr  – vergeblich – gegen sich selbst eingesetzter Kris ist eine von mächtigen Ahnengeistern bewohnte rituelle Waffe, deren schützende Gegenwart sich in rituellen Tänzen offenbart.
 
Mit kostbar kunstfertig geschnitzten Handgriffen aus Elfenbein gelten diese göttlichen Dolche als heiliges (in Tempeln aufbewahrtes) Erbe von Gemeinden und Familien. Im wayang-kulit-Schattenspiel begeistern groteske Archetypen menschlicher Emotionen das balinesische Publikum; mit Figuren aus Büffelleder und (anhand von Stäben) beweglichen Gliedmaßen, deren typische Gestik geschickte Hände (der dalang, Puppenspieler) eindrucksvoll in Szene setzen. Weiblich verführerische Fruchtbarkeit bezeugen detailreich in Holz geschnitzte vegetabil umrankte Nymphen. Üppige Pyramiden aus Früchten, Reiskuchen, Süßigkeiten tragen Balinesinnen mit bewundernswerter Balance auf ihren Köpfen zu Tempeln und Schreinen, als Dank für die Geschenke der göttlichen Natur. Kunstfertig fabrizierte Palmblattgirlanden, reich geschmückte Opfergaben und der Duft von Räucherwerk ehren Ahnen, Gottheiten und Dämonen. Sie sind gleichermaßen allgegenwärtig.
 
Im Vulkan Gunung Agung, der vielfältiges Leben ermöglicht, ernährt und zerstört; in der balinesischen Kultur, die auf ihrer polaren Dynamik beruht, und im Bewusstsein der auf Bali lebenden Menschen, die schöpferische, erhaltende und zerstörerische Kräfte gleichermaßen würdigend anerkennen. Im Alltag – und in Kunstwerken, die Ahnen, Gottheiten und Dämonen Leben einhauchen. Voilà, das perfekte Biotop für Luke Brown. Auf der einzigen hinduistisch geprägten Insel im indonesischen Archipel blieb ein mythisches Universum lebendig, das Browns visionäre Kunst inspiriert und befeuert. Noch bis in die 1970er Jahre konnten Reisende Magic-Mushroom-Omeletts bestellen, die ihnen (dank des heimischen Psilocybe subaeruginascens) auf Trip Visionen bescherten, die der kulturellen Umgebung verblüffend ähnelten. Wie dringlich die interkulturelle Horizonterweiterung der ethnozentrisch beschränkten WASP(White Anglo-Saxon Protestant)-Weltsicht war, hatten schon vierzig Jahre zuvor Timothy Leary, Ralph Metzner und Richard Alpert (alias Ram Dass) erkannt, weshalb sie 1964 ihr Handbuch nach Weisungen des Tibetanischen Totenbuches für Psychedelische Erfahrungen publizierten.
 
Für überwältigte PsychonautInnen ein durchaus hilfreicher Tripadvisor, der höllische mit himmlischen Visionen versöhnte. Pflanzen, Pilze, Dekokte und Substanzen, die das Bewusstsein verändern – und möglicherweise erweitern –, wirken psychoaktiv. Ob sie als Entheogene «das Göttliche in uns» offenbaren und Selbstreflektionen ermöglichen, entscheidet nicht die psychoaktive Wirkung, sondern ihr rituell kultivierter Gebrauch, der sie als entheogen definiert. Wenden wir uns nun (kulturell «divers» präpariert) den Werken von Luke Brown zu. Tryptamine Palace (Polymer Clay ??, 2018, in Zusammenarbeit mit Jon Anderson) ist der Titel seiner ringsum bemalten Holzskulptur. Ihre hexagonale Geometrie ruht auf einem Sockel, der, mit ringsum weit ausgeschnittenen Bögen, die Licht durchscheinen lassen, wie schwebend wirkt.
 
Das überwölbte Plateau bekrönt eine gelbe Lotosblüte, über der vollplastische Köpfe von drei Schlangen schweben. Was sich inmitten der Skulptur verbirgt enthüllt sich dem durch die kleeblattförmigen Öffnungen des Gewölbes spähenden Blick: Ein Antlitz, in sich selbst ruhend, mit geschlossenen Lidern und sechs offenen dritten Augen allen Richtungen zugewandt, umrundet von Fröschen, die nach außen blicken. Raffinierte Einblicke und Durchblicke der mit Totenschädeln, Raubkatzenköpfen und vielfältigen Mustern in Blau- und Gelbtönen bemalten Skulptur, dominiert von Schlangen, die sich von innen über das Gewölbe winden, und schlangenförmigen Augen, die auf fünfzackigen Sternen ruhen, repräsentieren den visionären Palast der Tryptamine.
 
Wer je diesen Palast betrat (mittels DMT oder Ayahuasca) weiß, wie schrecklich schön und furchtbar er wirkt. DMT (Dimethyltryptamin) bewirkt die stärksten Bewusstseinsveränderungen. Der Ayahuasca-Trank ist (laut Christian Rätsch, Band 1 der Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen) eine einzigartige pharmakologische Kombination aus der harmalinhaltigen Liane Banisteriopsis caapi und den DMT-haltigen Chacruna-Blättern (Psychotria viridis). In der Liane erkannten indigene Ethnien im Amazonas (denen diese geniale Rezeptur zu verdanken ist) die mächtige Anakonda,  in den Blättern der Chacruna den Jaguar, in den sich Schamanen verwandeln. Im Sekret der Kröte Bufo alvarius wirkt das Tryptam-Derivat Bufotenin psychoaktiv. Den Tryptamine Palace von Luke Brown besiedeln alle drei. Wusch! Da fliegt einem der Kopf weg! Dieser Ausruf drängt sich, ganz unakademisch, beim Anblick von Singularity auf.
 
In der Tat erzeugen winzige DMT-Kristalle, die diese Vision verursachen, eine mächtige Wirkung. «Kleine Ursache, große Wirkung» lautet die profane Erklärung von Singularität (von lateinisch singularis: einzigartig). Die Astrophysik definiert sie als «Orte, an denen die Gravitation so stark ist, dass die Krümmung unendlich erscheint». In den Sog starker Gravitation gerät unweigerlich der Blick beim Betrachten der streng spiegelsymmetrischen Komposition. Ihrer Zentrifugalkraft entflieht man nicht. Am Krümmungspunkt sendet die gelbe Sonne explosivartig radiale Strahlen gen Himmel; färbt ihn blutrot und gewitterblau.
 
Unter dem gekrümmten Horizont beugen sich belaubte Wipfel dem von Tageshitze und Nachtkälte erzeugten Sturm. Bildbreit umspannende Baumwipfel, die sich in eine endlose Reihe stereotyper Masken verwandeln, die aus blicklosen ultramarinblauen Augen kalte Nebellichter gen Mitte richten. Zur Mittelachse, wo die Matrix – das uniforme Duplikate generierende «Muttertier» – im knöchernen Brustkorb ihr gelb erglühendes Herz, das der Sonne über ihr ähnelt, mit sehnigen Fingern schützt. Darüber ein Multiface(tten)-Ei, das mit vielen eyes vieläugig über allem schwebt und vielfältige Weltsichten und Einsichten generiert.
 
Der rätselhafte Bild-Titel Pareidolius ist erklärungsbedürftig. Seit Kindertagen entdecken wir in Bäumen, Wolken und Gemäuer Wesen und Gesichter. Das Phänomen, in Dingen und Mustern vermeintlich Gesichter und vertraute Wesen zu sehen, ist uns also bekannt. Dass dies als Pareidolie (von Griechisch para: daneben und eidolon: Bild) bezeichnet wird, wohl weniger. Das Bild zeigt ein vielarmiges menschliches Wesen; nackt, braun, muskulös, im Lotussitz. Unter ihm ein von Wellen gekräuselter See. Dicht ringsum steil abfallende Berghänge, grün bemoost, im Vordergrund tropisch üppig bewachsen, über die sich zahlreiche Gewässer (im Netzwerk vielfacher Verzweigung) in den See ergießen. Über den engen Talkessel, blaugrün, tief unten vom See erfüllt, wälzt sich ein Himmel voller Gesichter, Augen, Strukturen. Der freie Zwickel dazwischen eröffnet klärende Perspektiven.
 
Im vom Windzug verwirbelten Haar wird ersichtlich, dass der Vielarmige nicht unergründlich schwebt, sondern von hoch herab soeben tief hinab in den engen Tobel sinkt, wo seine im Lotussitz verschränkten Beine, vom Wasser umspült, den Seespiegel berühren. Zwei Hände halten zwei Pilze in die Höhe. Unter ihren Hüten schimmern Lamellen hervor, weiß wie ihr Myzelgeflecht, das auch die Hände umrankt, die den gelben Stamm einer Pyramide umfassen, die sich in der Nahsicht als Riesenpilz entpuppt, der aus geometrisch angeordneten Köpfen besteht, deren kreisrunde Reihen in der Spitze der Pilz-Pyramide münden, über der ein dreidimensionaler Stern schwebt, der sie, gelb strahlend, beleuchtet.
 
Der hell blitzende Stern spiegelt sich im Kristall, auf der gespreizten Hand im Schoß des herab gesunkenen Wesens; im Vajra (Donnerkeil) seiner Rechten in Augenhöhe; in der Glocke der Linken, unterhalb gegenüber. In blitzenden Sternen den Blitz der Erkenntnis zu erkennen und in Mustern der Natur das vertraute (und doch so fremde) eigene Wesen zu sehen – dieses Phänomen kultivierte der Mensch als Pareidolius, den uns Luke Brown vielschichtig präsentiert.
 
Mit Padmasambhava  porträtierte Luke Brown den Lehrer Guru Rinpoche, der im 8. Jh. den tantrischen Buddhismus in Nepal einführte und von dort in der Himalayaregion der tibetischen Hochebene verbreitete, gemäß den kompositorischen Regeln der in Nepal entstandenen Thanka-Kunst. Zentralsymmetrisch komponiert aus wabernden Linien leuchtender Neon-Farben, strahlen uns auf zwei Gemälden spirituelle Archetypen der menschlichen Natur entgegen: Die Weisheit Sophia (2022) und der «Wesenskern» (lat. quinta essentia: fünftes Seiendes) Quintessence (2020, 150 x 75 cm), beruhend auf der fünfzackigen Geometrie von Kopf und Gliedmaßen.
 
Nur die im Herz entfachte Glut der Empathie läßt im Geist das Feuer der Erkenntnis erstrahlen. Ob die symbolische Botschaft (die beide verbindet) ankommt oder als Esoterik-Kitsch abgetan wird, ist den Gottheiten und Dämonen gleichgültig, die auf Bali Luke Browns visionäre Kunst inspirieren.

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